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Berlin

MIT DEM PRINZIP BEHUTSAMKEIT WIDER KONFLIKTE

Boris Charmatz und Hofesh Shechter bei „Foreign Affairs“



Was beide bei aller Verschiedenheit der Handschriften und Absichten verbindet, ist der beherzte Griff nach Themen aus unserem Lebensalltag, philosophisch ambitioniert bei Charmatz, mit Humor und politischem Hintersinn bei Shechter.


  • Boris Charmatz mit "Levée des conflits" beim Foreign Affairs Festival in Berlin Foto © Caroline Ablain
  • Hofesh Shechter mit "Sun" beim Foreign Affairs Festival in Berlin Foto © Gabriele Zucca
  • Hofesh Shechter mit "Sun" beim Foreign Affairs Festival in Berlin Foto © Gabriele Zucca

Ihre Arbeiten bilden die Schwerpunkte in der Tanzabteilung des diesjährigen Festivals „Foreign Affairs“ im Haus der Berliner Festpiele. Hatte man dem Franzosen Boris Charmatz eine ganze Retrospektive eingeräumt, so konnte der aus Israel stammende Engländer Hofesh Shechter seine Kreation von 2013 zeigen. Was beide Choreografen bei aller Verschiedenheit der Handschriften und Absichten verbindet, ist der beherzte Griff nach Themen aus unserem Lebensalltag, philosophisch ambitioniert bei Charmatz, mit Humor und politischem Hintersinn bei Shechter.

Vermeidung von Konflikten, besonders kriegerischen, ist ferner Traum wohl aller Menschen. Welche Lösung der Tanz anbieten kann, untersucht in „Levée des conflits“ auf fast raffinierte Weise Charmatz mit 24 internationalen Akteuren in einem 80-minütigen Experiment, zu dem sich der Choreograf von einer Denkfigur des Philosophen Roland Barthes anregen ließ. Zwar gibt ein erster Tänzer jeweils die 24 Bewegungssequenzen vor, die in einem langen Einstieg dann jeder der hinzukommenden Kollegen nach dem Kanonprinzip aufnimmt, doch wie konfus die Szene scheinen mag, wie dicht das Gewimmel: Massenkollisionen, gar aggressive Massenkonfrontationen bleiben aus. Hektisches Bodenwischen, selbstschlagendes Armschlenkern, platzschaffendes Powackeln sind einige jener Sequenzen, ebenso Bodenrutscher, Körperruckler, Sprünge, Läufe, Dreher, Stürze, einander malträtierende Paare. Dass all dies phasenverschobene Gewühl im bisweilen manischen Kampf mit und gegen sich selbst erkennbar streng organisiert ist, macht den Zusehreiz der Aktion aus. Wie in Trance und bis zur Erschöpfung agieren die Tänzer und nehmen trotzdem ihre Nachbarn wahr.
Die Ballung der tobenden Menge mag Gleichnis auch auf die Enge in unseren Megacitys sein. Wo dort jedoch Rigorosität herrscht und der Einzelne wenig gilt, weist Charmatz mit seinem Prinzip der Behutsamkeit im gegenseitigen Umgang den möglichen Ausweg. Wenn sich eine Komposition aus einem Kern wirbelnder Menschen sowie auf Bahnen sie Umkriechender bildet, hat das die Wirkung einer Drehbühne. Am Bühnenrand kommt der pulsende Pulk an eine Grenze, weitet sich dann wieder wie eine Teilchenwolke aus und sinkt nervös zuckend zu Boden. Aus dem neuerlichen Aufflammen der Grundsequenzen des Beginns gehen die Tänzer traumverloren und lakonisch einzeln ab. Das Experiment, dem eine Toncollage von Helmut Lachenmann über Morton Feldman und Miles Davis bis zu elektronischem Rauschen unterliegt, ist vollzogen und lässt den Zuschauer nachdenklich zurück.

Auch Hofesh Shechter setzt keinen durchgängigen Bewegungsstil ein. Ist Charmatz eher der kühle Rechner, lässt Shechter gern die Emotionen hochkochen wie in seinem Gastpiel von 2012, als er in „Political Mother“ einen dröhnend energiegeladenen und dennoch sanften Weltkommentar choreografiert hat. Etwas über die Welt, in der wir unentrinnbar leben, möchte nun auch „Sun“ erzählen. Wieder stammt ein Teil der getösehaften Klangkulisse von ihm selbst, durchmischt von pompös feierlicher Klassik, so aus Richard Wagners „Tannhäuser“. Und wieder versucht er sich an hintergründigem Witz, wenn die balsamische Stimme vom Band verkündet, der Abend beginne mit einem sekundenkurzen Ausblick aufs gute Ende. Tieren geschehe im Verlauf nichts Arges, aber es gehe um den Gegensatz von Gut und Böse, Licht und Dunkel. Dazu erscheint aus jenem Dunkel eine Gruppe von 13 Tänzern in illustren, historisierenden Kostümen, vom Pierrot bis zum Jabot. Worin immer sie sich dann üben, Folklorezitat und Afroelement, Schütteln der Quäker, prophetische Handgestik - es zieht wie ein Aufschein kommender Erhellung vorüber, ohne dass all die verzappelten Verzückungsrituale zu einer dingfest zu machenden Aussage zusammenfließen würden. Sind wir die Lämmer, die auf Plakaten vorübergetragen werden, oder jene Soldaten, die wie Marionetten marschieren? Versatzstücke, eine atmosphärische Bühne aus dirigierbaren Glühbirnen und Dauernebel fügen sich nicht von selbst zur Debatte um „human rights“, wie es die Bandstimme dringlich flüstert. Und auch zu keinem schlüssigen Theaterabend.

Noch bis 13.7., Foreign Affairs, www.berlinerfestspiele.de

Veröffentlicht am 07.07.2014, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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