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AUFSTIEG UND FALL EINER GROßEN IDEE

Nanine Linning macht aus Glass' „Echnaton“ die erste Heidelberger Tanzoper



Die Heidelberger Tanzchefin Nanine Linning glaubt nicht an einen Gott – wie man dem Programmheft zu ihrer jüngsten Tanzoper „Echnaton“ entnehmen kann; aber mit dem Bühnenhimmel kennt sie sich bestens aus. So gut, dass sie gleich neun ihrer Tänzer als gesichtslose weiße Geisterwesen hoch über die sowieso schon phantastische Bühne aufs Eleganteste an Gurten baumeln ließ.


  • Nannine Linings "Echnaton" am Theater Heidelberg Foto © Florian Merdes/Roger Muskee
  • Nannine Linings "Echnaton" am Theater Heidelberg Foto © Florian Merdes/Roger Muskee
  • Nannine Linings "Echnaton" am Theater Heidelberg Foto © Florian Merdes/Roger Muskee

Die Heidelberger Tanzchefin Nanine Linning glaubt nicht an einen Gott – wie man dem Programmheft zu ihrer jüngsten Tanzoper „Echnaton“ entnehmen kann; aber mit dem Bühnenhimmel kennt sie sich bestens aus. So gut, dass sie gleich neun ihrer Tänzer als gesichtslose weiße Geisterwesen hoch über die sowieso schon phantastische Bühne aufs Eleganteste an Gurten baumeln ließ – einer der vielen dramatischen visuellen Effekte, mit denen sie die handlungsarme Geschichte zum spannenden Ideendrama hochstilisierte.

Kein Wunder, dass “Echnaton“ nach der Premiere in Stuttgart 1984 hierzulande 30 Jahre lang auf eine Auferweckung aus dem Dornröschenschlaf warten musste. Das liegt sicher nicht an der Musik – Philipp Glass ist der in Deutschland vielleicht meist gehörte Vertreter der „Minmal Music“ und seine erste personenbezogene Oper „Einstein on the Beach“ hat das Zeug zum Theaterrenner. „Echnaton“ ist in anderer Hinsicht sperrig: Gefordert wird ein zwar kleines, aber ungemein präzises Symphonieorchester, ein riesiger, mindestens genauso präziser Chor, ein Countertenor für die Titelpartie und eine zündende Idee für die szenische Umsetzung langer Instrumentalpartien.

Und da scheint es, als sei „Echnaton“ geradezu auf Heidelberg zugeschnitten: Nanine Linning hat sich schon seit Beginn der Wiedereinführung einer Tanzsparte in Heidelberg 2012 ein großes sparten- und genreübergreifendes Projekt gewünscht und mit dem Countertenor Artem Krutko konnte die so anspruchsvolle Titelpartie sogar mit einem festen Mitglied der Heidelberger Opernsparte besetzt werden. Beim 1. Kapellmeister Dietger Holm, der die Premiere dirigierte, war das Stück musikalisch in sicheren Händen – seine Musiker verdienten sich Extraapplaus, wie auch Chor und Extrachor des Theaters (Direktion: Anna Töller). In weiteren solistischen Partien glänzten Kammersänger Winfried Minkus als Hoher Priester, Michael Zahn (Eje) und Zachary Wilson (Generel Haremhab). Den beiden entscheidenden Frauen in Echnatons Leben – seiner Mutter Königin Teje und seiner Gemahlin Nofretete – liehen Irida Herri und Amélie Saadia ihre geschmeidigen Stimmen.

Nanine Linning hat sich in ihrer Inszenierung ein bisschen von Robert Wilson inspirieren lassen, dessen Umsetzung der Uraufführung von „Einstein on the Beach“ geradezu als Meilenstein der Theatergeschichte gilt: Die schlichte Bühne wird dominiert von einem Prospekt im Hintergrund, der als Projektionsfläche für Licht und Farbe, für Videos und effektvolle Schattenspiele herhalten kann. Bühnenbildner Marc Wanninng hat ein raffiniertes System aus geometrischem Gestänge konstruiert, die aufs Unterschiedlichste zusammengesetzt werde können: Sie sind die Bausubstanz des alten wie des neuen Temples, sie dienen als Waffen und bilden am Ende eine veritable Pyramide. Mit Georg Meyer-Wiel hat die Choreografin einen Kostümbildner eingebunden, der auf einem schmalen Grat zwischen Historie und Phantasie wunderbar genau zu balancieren weiß – und Lichtdesigner Philipp Wiechert hat die Geschichte effektvoll in Szene gesetzt.

Die Handlung ist schnell erzählt: Tod von Echnatons Vater, Krönung zum König, gewaltsame Durchsetzung einer neuen, monotheistischen Religion und Bau eines neuen Tempels, Eheglück mit Nofretete, Vernachlässigung und Verfall des Reiches. Den inhaltlichen Bogen spannt Schauspieler Dominik Breuer als agiler Chronist aus ins Englische übersetzten Keilschrifttafeln – gesungen wird in Originalsprache. Bei Philip Glass malen nicht die Melodien Stimmungen aus, sondern die Färbung des Orchesterklangs (dunkel, ohne Geigen) und ein insistierender Rhythmus (extra Percussion). Der von Echnaton nach seiner feierlichen Inthronisierung angezettelte Kampf der Religionen wird im Chor ausgetragen, und entsprechend intensiv hat Nanine Linning den Chor im ersten Teil des Abends in Szene gesetzt. Die große Zahl der Mitwirkenden ist beeindruckend, und Nanine Linnings Tänzer tun das ihre, um Bewegung in die Massenaufmärsche zu bringen. Das alles ist schön stilisiert, aber auch der große Funke will dabei nicht recht überspringen.

Das passiert nach der Pause, wenn die Choreografin ihr Company mit vermehrtem Drive ins Spiel bringt. Da bekommen Echnaton und Nofretete tänzerische Alter Egos, und die übrigen Tänzer fungiere als Puppenspieler, die mit kleinen Menschenpuppen ein anrührendes Familienleben zaubern. Später sind die Tänzer Kämpfer und Krieger, ihnen bleibt schließlich auch die symbolische Zerstörung des Tempels und der Bau einer Pyramide überlassen: Das alles kann Tanz!

Am Ende gab es langen, langen Beifall und die spezielle Heidelberger Tanz-Publikums-Disziplin: Blumen-Weitwurf…

Veröffentlicht am 09.06.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

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