HOMEPAGE



Chemnitz

SANFTE MUSIK UND SCHÖNE MENSCHEN

Reiner Feistel zelebriert „König Artus“ als Ballett in Chemnitz



Das Mittelalter lebt in Comics, Blogbustern im Mainstream à la Hollywood, Computerspielen und immer wieder auf den Theaterbühnen. Für seine erste Uraufführung als Chef des Chemnitzer Balletts wählte Feistel Motive der Artus-Geschichte, deren Ursprünge nach Britannien in das fünfte Jahrhundert führen.


  • "König Artus" von Rainer Feistel am Ballett Chemnitz Foto © Dieter Wuschanski
  • "König Artus" von Rainer Feistel am Ballett Chemnitz Foto © Dieter Wuschanski
  • "König Artus" von Rainer Feistel am Ballett Chemnitz Foto © Dieter Wuschanski

Ein Prolog und 23 Szenen, die aus den Schatten der Vergangenheit und des somit unverzichtbaren Theaternebels kommen. Des Zauberer Merlins Traum vom ewigen Frieden, die Erschaffung König Artus', der den Frieden bringen soll, und von Mordred, seinem kriegerischen Gegenspieler, den Artus zwar am Ende aus der Welt schafft, aber um den Preis des eigenen Lebens.

Das Mittelalter lebt in Comics, Blogbustern im Mainstream à la Hollywood, Computerspielen und immer wieder auf den Theaterbühnen. Für seine erste Uraufführung als Chef des Chemnitzer Balletts wählte Reiner Feistel Motive der Artus-Geschichte, deren Ursprünge nach Britannien in das fünfte Jahrhundert führen, die sich dann über ganz Europa und später weltweit verbreitet.

Auf der riesig wirkenden Bühne des Chemnitzer Opernhauses mit den üppigen, aber nicht weiter nutzvollen Verkleidungen der Proszenien und behäbig auf und herabfahrenden Gazevorhängen von Ausstatter Martin Rupprecht breitet sich immer wieder eine Atmosphäre der Behäbigkeit aus. Wie verloren wirken die Tänzerinnen und Tänzer in der Leere des Raumes, die aber nichts von der Weite einer Geschichte vermittelt.
Wenn es darum geht, die verblüffenden Möglichkeiten der Kompanie zu zeigen, insbesondere die kraftvollen Sprünge der Tänzer, dann allerdings kann man nur froh sein, dass jede weitere dekorative Ablenkung fehlt.
Etwas sonderbar wirken auch die Fantasien, die sich in Rupprechts Kostümen zeigen, die Lederimitationen, etwas knapper bei den Tänzerinnen, bedeckter bei den Tänzern, schüren den Verdacht, hier handle es sich um Ausflüge in Sado-Maso-Szenerien altväterlicher Mittelalterfantasien.

Die zugespielten Titel vornehmlich in der Filmmusik erfahrener Komponisten wie Lisa Gerrard, Patrick Cassidy, Marc Streitenfeld, Peter Gabriel oder Harry Gregson-Williams bewegen sich überwiegend auf breiten, elegischen Feldern musikalischer Flächen. Hier fehlt es wirklich mal an einem Kick, an rhythmischen Überraschungen, selbst Ritterspiele, eine Kriegsszene, der tödliche Zweikampf am Ende, immer musikalische Gemächlichkeit. Mitunter überdecken mulmige Klangwolken die Klarheit des Tanzes. Und sollte man nicht aus barmherziger Nachsicht auf den deutschen Tanzbühnen Arvo Pärt und seine „fratres“ auf ihren gläubigen Pilgerreisen von der Kunst zum Kommerz mal schweigen lassen?

Vielleicht ist Reiner Feistel noch nicht ganz angekommen in den weiten Dimensionen dieser Bühne. Vielleicht fehlt es noch hier und da am Maß der Präzision, wenn es um die dramaturgische Klarheit eines Handlungsballetts geht.

Die neu zusammengesetzte Chemnitzer Kompanie zeigt kräftige Präsenz und tänzerisches Können. Dafür bedankt sich das Premierenpublikum sehr herzlich bei allen Tänzerinnen und Tänzern, Bravorufe für Emilijus Miliauskas, Leonardo Fonseca, Florian Seipelt und Norbert Matkovics als Artus, Merlin, Lancelot und Mordred. Starker und herzlicher Applaus für Valerija Frank als Morgan le Fay und Alanna Saskia Pfeiffer als Guinevre, Artus' Gemahlin. Als flirrendes, geschwind tanzendes, durch die Lüfte fliegendes Schwert aber räumt Helena Gläser mit dieser originellen Idee des Choreografen Reiner Feistel einfach ab. Ist ja auch zum Abheben.


Nächste Aufführungen: 2., 4., 26.04.; 15.05.
www.theater-chemnitz.de

Veröffentlicht am 30.03.2014, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 4584 mal angesehen.



Kommentare zu "Sanfte Musik und schöne Menschen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben
    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DANCE!

    Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu
    Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MATTERS FOR MATTERS

    Ein Film der Choreografischen Werkstatt der Company johannes wieland des Staatstheaters Kassel - 2 x für 24 Stunden online -

    Digitale Filmpremiere: Samstag, 4. Juli, 19.30 Uhr, YouTube-Kanal des Staatstheaters Kassel

    Veröffentlicht am 25.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    GEKÜNDIGT

    Ralf Stabel ist entlassen worden

    Veröffentlicht am 07.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP