HOMEPAGE



München

LAUTSTARKE EXPLOSION DER GEFÜHLE

„Lighting“, Anna Konjetzkys Koproduktion mit Vietnam, versetzt die Muffathalle in Aufregung



Das Geschehen schießt direkt ins Bewusstsein, kein Zuschauer kann sich erwehren, selbst mit Herzklopfen auf den Rängen zu sitzen! Konjetzkys Kreation packt das Publikum zuverlässig.


  • "lighting" - ein Tanzstück von Anna Konjetzky Foto © Barbara Westernach
  • Die in München ansässige Choreografin Anna Konjetzky Foto © Anna Konjetzky

Anna Konjetzkys Stücke gilt es, mit dem Bauch zu sehen, nicht mit dem Intellekt. Beklemmung, Geburt oder Trauma waren in der Vergangenheit ihre Themen, oft unangenehme Kost, die jedoch durch die unmittelbar begreifliche Körpersprache der Choreografin erstaunlich gut verdaulich ankam. Auch in „Lighting“, das in Zusammenarbeit mit dem Vietnam National Opera Ballet entstand, geht es um Gefühle: Druck und Explosion.
Eine unangenehme Geräuschkulisse bildet den Hintergrund, vor dem zehn Tänzer in blaugrauer Kleidung langsam überkochen. Interessanterweise wurden vor der Vorstellung Ohrstöpsel verteilt. Doch nicht die Lautstärke vergrätzte viele Zuschauer, sondern die Hektik, die der Klangcollage (Sergej Maingardt) innewohnt. Zerbrechendes Glas, heulende Polizeisirenen, das Knacken einer zu laut gedrehten Stereoanlage bilden ein rhythmisches, beunruhigendes Klanggewusel.

Konjetzkys Tänzer schwimmen darin wie aufgeregte Fische. Am Anfang wedeln ihre Arme, als ob Funken aufleuchten. Dann schlängeln sich Torsos wie kleine Flämmchen, bis später die ganze Gruppe vereint als Flamme wogt. Die Gruppe steht kurz vor dem ausgeführten Schlag, kurz vor der Revolte, kurz vor der Explosion – und immer weiter werden die Bewegungen, immer chaotischer gegeneinander. Zuletzt steigert sich die Klangkulisse zu einem kreischenden, von Katastrophenklängen durchsetzten Herzrasen, die Tänzer kumulieren und, als Stille eintritt, fließen sie quer über die Bühne. Das Geschehen schießt direkt ins Bewusstsein, kein Zuschauer kann sich erwehren, selbst mit Herzklopfen auf den Rängen zu sitzen! Konjetzkys Kreation packt das Publikum zuverlässig.

Doch muss man Druck mit Lärm gleichsetzen? Das Wesen emotionaler Eskalation hat nicht immer mit Angst und erhöhtem Puls zu tun. Das kann auch eine stille, immer dichter werdende Wolke sein, die irgendwann ihre Grenze sprengt. Sich für einen musikalischeren, und damit diskreteren Hintergrund zu entscheiden, wäre mutiger gewesen.

Veröffentlicht am 21.09.2013, von Isabel Winklbauer in Homepage, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 4213 mal angesehen.



Kommentare zu "Lautstarke Explosion der Gefühle"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein


    SOMMERNACHTSTRÄUME IN DER KIRCHE?

    Mit dem Ballett der Theater Plauen-Zwickau geht das wunderbar.
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    FAUST II – ERLÖSUNG

    Wiederaufnahme von Xin Peng Wangs Ballett FAUST II – ERLÖSUNG am Samstag, 26. Mai 2018, im Opernhaus Dortmund

    Wang hatte als erster Choreograf weltweit sich „Der Tragödie zweiter Teil“ angenommen. Wie in der Uraufführung werden die weltberühmten Tänzer Lucia Lacarra und Marlon Dino wieder in Dortmund zu sehen sein.

    Veröffentlicht am 09.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KREATIVE ERFAHRUNGEN FÜR DEN NACHWUCHS

    Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung im Münchner Nationaltheater

    Veröffentlicht am 24.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    STADTTHEATER MEETS FREIE SZENE

    Ben J. Riepe choreografiert für das Ballett am Rhein

    Veröffentlicht am 29.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    ZUM DRITTEN MAL: DIE WELT ZU GAST IN MÜNCHEN

    Munich International Ballet School Gala

    Veröffentlicht am 01.05.2018, von Karl-Peter Fürst


    DIE STIMME DER NATUR

    Jörg Weinöhls letzte Produktion in Graz: „Sommernacht, geträumt“

    Veröffentlicht am 07.05.2018, von Gastbeitrag


    ZIRZENSISCHE HOMMAGE AN PINA BAUSCH

    Adolphe Binder beweist in Wuppertal mit Dimitris Papaioannou einen guten Griff

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP