KRITIKEN 2012/2013



Dresden

POESIE UND TRAUM, ABSCHIED, TRAUER UND EIN FEUERWERK DES LEBENS

Der neue Abend des Semperoper Ballett wird jubelnd gefeiert


  • Julia Weiss und Raphael Coumes-Mraquet vom Semperoper Ballett in Helen Picketts „Zwischen(t)raum. Das Vokaltuch der Kammersängerin Rosa Silber“ Foto © Costin Radu
  • Jiri Bubenicek und Svetlana Gileva vom Semperoper Ballett in Kylians „Bella Figura“ Foto © Costin Radu
  • Cangialosi Claudio und Julia Weiss in Kylians „Bella Figura“ Foto © Costin Radu

Am Sonnabendvormittag starb der Komponist Hans Werner Henze im Alter von 86 Jahren in Dresden. Eigentlich wollte er am Abend in der Semperoper sein. Im Rahmen der Dresdner Ehrungen für ihn gab es eine choreografische Uraufführung seiner Komposition „Das Vokaltuch der Kammersängerin Rosa Silber“ von 1950. Uraufgeführt ein Jahr später, damals noch „Rosa Silber“, angeregt durch die Suche der Schriftstellerin Grete Weil nach der dem KZ entflohenen Jüdin Rosa Silber aus Nürnberg, die inzwischen in New York lebte. Dass es ein Aquarell von Paul Klee gibt mit den Initialen R und S, dass darin vor einem teppichartig, feingewebten Hintergrund die Vokale herausgearbeitet sind, dass es vielleicht wirklich einer Sängerin gewidmet ist, wusste Hans Werner Henze nicht. Er hat das Bild erst später gesehen und die poetische Nähe zu seiner Musik entdeckt.

Henzes Komposition variiert ein Kinderlied, sie ist melodisch und melancholisch zugleich, hat knappe, rhythmische, tänzerisch anregende Passagen. Dann klingt die Musik als würden sich die Melodie und Stimmung des Eingangsthemas aufsplittern und wieder zusammen finden. Das kurze Stück hat Henze mehrfach bearbeitet. 1990 gibt es die Neuschrift des handlungslosen Balletts „Das Vokaltuch der Kammersängerin Rosa Silber“. Helen Pickett fügt für ihre choreografische Uraufführung noch den Zusatztitel „Zwischen(t)raum“ hinzu. Sie beginnt mit einem kräftigen Bild. Da fährt eine Tänzerin aus dem Bühnenhimmel in die Versenkun, um kurz danach eine Papierwand zu durchstoßen und mit einem Partner zu tanzen. Aus dem Tanz mit neoklassischen Zitaten entwickelt sich eine angespannte Beziehung. Die Figur das Mannes spaltet sich auf, sechs weitere Paare, alle ihm ähnlich in der Kleidung, bilden Reihungen, agieren als Paare und in verschiedenen Konstellationen. Das Paar der Solisten, Julia Weiss und Raphaël Coumes-Marquet, gerät auch in einen erregten Dialog in französischer Sprache. Man mag Korrespondenzen zur Komposition sehen, insgesamt aber wenig Dynamik, die Bildkraft der Arrangements verflüchtigt sich. Dass Helen Pickett bei William Forsythe getanzt hat ist nicht zu übersehen, wie gut die Tänzer dessen Stil beherrschen auch nicht. Vor dieser Uraufführung hatte der kaufmännische Geschäftsführer der Semperoper Wolfgang Rothe offensichtlich stark bewegt mitgeteilt, dass Hans Werner Henze am Vormittag in Dresden gestorben ist, dass er eigentlich an diesem Abend wieder in der Semperoper sein wollte. Dann, bevor das Ballett zu seiner Musik beginnt, eindrucksvolle Stille.

Der Abend hat drei Teile, eigentlich sogar vier, denn Jiří Bubeníček legt in der Pause vor dem letzten Stück eine grandiose Soloperformance hin. Zu leise eingespielter, lateinamerikanischer Tanzmusik beschenkt er das Publikum in clownesker Melancholie mit Miniaturen vom Feinsten. Manchmal tanzen nur die Finger, dann die Augen und aus leichten Schwingungen des Körpers werden traumhafte Drehungen und Sprünge. Unglaublich, wie spannend Wiederholungen und Variationen sein können. Alles mit weitem, herzlichem Humor bei höchstem tänzerischem Anspruch. Dann kracht es in der Semperoper. Es rockt. Das hat man in den ehrwürdigen Räumen noch nicht gesehen und gehört. Ohad Naharin, Chef der berühmten Batsheva Dance Company aus Tel Aviv, präsentiert mit den Dresdner Tänzerinnen und Tänzern einige seiner Highlights. Wild mischt er die Musik. Es geht los mit "Hava Nagila", es schmilzt dahin mit "Over the Rainbow", dann knallen Cha-Cha-Cha Passagen aus den Boxen, zur Abwechslung Vivaldi und am Schluss ein sanfter Ausklang mit Chopin. Dazu wird getanzt was das Zeug hält: Lebensfreude, Lebenswille, Lust an der Körperlichkeit pur! Die Tänzer lassen es wirklich lustvoll krachen, alle in dunklen Anzügen, schwarze Hüte − die ganz große Show. Die Grenzen fallen. Was heißt hier Hochkultur, was heißt hier Unterhaltungskunst? Es muss gut sein, und das ist es. Und wenn man genau hinsieht, gibt es auch so etwas wie Stolpersteine, denn ein Choreograf aus Tel Aviv wird nicht nur aus Spaß seine Tänzer Schuhe, Hüte, Kleidung zu einem Haufen in die Mitte ihres Halbkreises werfen lassen. Was andernorts peinlich werden kann gelingt hier. Das Publikum wird einbezogen, die Leute werden auf die Bühne geholt und eben nicht aus- oder bloßgestellt. Es tanzen wirklich alle. Es sollte nicht verwundern, wenn in Folgevorstellungen auch kräftig im Parkett und auf den Rängen mit gerockt wird.

Zu Beginn Jiří Kyliáns Ballett "Bella Figura" von 1995, ein Hauptwerk des zeitgenössischen Tanzes. Eine höchst sinnliche und sensible Traumreise zu einer Musikcollage mit vornehmlich besinnlicher Barockmusik. Man kann sogar eine spirituelle Tendenz wahrnehmen, denn zu Beginn und zum Schluss werden Sätze aus Pergolesis "Stabat Mater" gespielt. Einem Werk, das ja der Kraft der Zärtlichkeit angesichts der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers gewidmet ist. Es ist auch ein tänzerischer Traum zu sehen wie die Dresdner Kompanie sich hier zeigt. Wunderbar fließen die weiten Bewegungen. Exakt sind die körperlichen Kombinationen, die manchmal wie Verknotungen wirken. Dann wieder verspielter Humor und immer das Spiel mit den verschwimmenden Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit, Tag und Traum, Theater und Leben. Daher spielt der Vorhang eine besondere Hauptrolle. Er verbirgt, gibt den Blick frei, verengt die Sicht, rahmt etwas ein und fällt in seinem ganzen Gewicht den Tänzern in die Arme. So zeigt das Semperoper Ballett mit seinen Solistinnen und Solisten an einem Abend in grundverschiedenen Stilen, dass es sich weit vorgetanzt hat im weltweiten Reigen klassisch grundierter, großer Kompanien mit zeitgemäßem Anspruch. Gerade ist ein Buch erschienen, geschrieben hat es die Tanzkritikerin Dorion Weickmann, „TANZ. Die Muttersprache des Menschen“. Dieser außergewöhnliche Tanzabend belegt die These ohne Wenn und Aber.

Weitere Aufführungen: 31.10. (14.00 und 19.00 Uhr), 2., 11.11.2012. www.semperoper.de

Information: Dorion Weickmann, TANZ Die Muttersprache des Menschen, München, 2012, 265 Seiten, 19,99 €

Veröffentlicht am 29.10.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Poesie und Traum, Abschied, Trauer und ein Fe ..."



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