KRITIKEN 2012/2013



Bielefeld

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

Tanztheater zwischen Tradition und Innovation


  • Hsuan Cheng (hinten) und Elvira Zuniga in „Auch“ von R. Hoffmann Foto © Bettina Stöß
  • Gianni Cccaro und Brigitte Uray in „Effekte“ von S. Linke Foto © Bettina Stöß
  • Ensemble im Finale von „Pixelmann“ von H. Horn Foto © Bettina Stöß

„Zurück in die Zukunft“ ist das Motto des Tanztheaters Bielefeld in dieser Spielzeit. Einen Abend der Extraklasse bietet Tanztheaterchef Gregor Zöllig mit dem dreiteiligen Programm „Auch / Effekte / Pixelmann“ von den Choreografinnen Reinhild Hoffmann, Susanne Linke und Henrietta Horn, alle drei zeitweilig Leiterinnen des Essener Folkwang-Tanzstudios. Es ist ein Abend mit Tanztheater zwischen Tradition und Innovation. Während Hoffmann ihr Duett „Auch“ von 1980 nur sehr behutsam verändert hat, hält Susanne Linke in „Effekte“ von 1988, angeregt durch ihre Rekonstruktion von Dore Hoyers „Affectos humanos“, mit jeder Neueinstudierung Schritt mit der Zeit. Henrietta Horn schließlich, die Jüngste, präsentiert mit der Uraufführung von „Pixelmann“ ein absolut aktuelles Gesamtkunstwerk.

„Auch“ wird gefördert vom „Tanzfonds Erbe“ der Kulturstiftung des Bundes. Das 20-minütige Duett ist der letzte Teil einer Solo-Folge und zeigt die Auseinandersetzung einer Frau mit einem Gegenüber auf Augenhöhe, einer anderen Frau. In der Anfangssequenz wird mit einem weißen Band „Maß genommen“, der Abstand gemessen, Nähe probiert und schließlich der Ring für den „Kampf“ mit Kreide auf dem Boden markiert. Zwei Metallstühle mit hohen Lehnen stehen innerhalb des Rings. Die Kontrahentinnen setzen sich mit dem Rücken zum Publikum. Ein unscharfes Video von einem Ausschnitt der Uraufführung wird projiziert. Dann geht’s zur Sache. Die zierliche Elvira Zuñiga aus Costa Rica, die sonst so viel Witz und Verschmitztheit versprüht, und die hochgewachsene, herbe Taiwanesin Hsuan Cheng (Neuzugang aus Münster) in sehr altmodischen schwarzen Abendkleidern aus Samt und Satin bis zu den nackten Füßen belauern einander wie Wildkatzen, springen von hinten auf die andere, reiben den Kopf an ihrer Schulter, drücken sie nieder. Horizontal schlängeln sie sich um die Stuhllehnen, hechten, wirbeln, berühren plötzlich ganz zart – lauern dann wieder oder nehmen kurze Auszeiten, als ginge die andere sie nichts an. Unglaublich präzise und elegant sind die Bewegungen wie in einem fernöstlichen Kampfsport. Gebrochen klingen von fern Takte aus György Ligetis Cello-Konzert. Düster ist das Ambiente. Als das bisschen Licht schließlich abrupt verlischt, leuchten Füße, Arme und Gesichter der beiden Frauen noch fluoreszierend weiß.

Hell dagegen ist fast alles in Linkes Duett „Effekte“. Der Rückprospekt gleicht einem karierten japanischen Pergament-Paravent. Später wird er wie ein Rollo hochgezogen und weicht einer glatten weißen Wand. Wie Silhouetten wirken Gianni Cuccaro und Brigitte Uray, als sie sich mit grellen Stirnlampen und Metallstäben auf die Bühne tasten. Gleichförmige Motorengeräusche von Ferne. Uray schleppt eine Plexiglasplatte herein, Metallkisten auf Rollen werden hinter einander zu einem Treppenaufgang gereiht. Die Metallstäbe dienen den beiden, die kaum von einander Notiz nehmen, für Balanceakte. Lautlos bewegen sie sich in weißem Leinenanzug, mit schwarzen Sonnenbrillen und straff nach hinten gegelter Frisur durch den Raum. Aus der Ferne singen Stimmen einen Liturgieteil, später einen Chor aus Pergolesis Stabat Mater, während Cuccaro aus der kleinsten Metallkiste barocke Utensilien zieht: ein Purpurgewand, eine Schale mit Obst, Kerzenleuchter, Weinpokale. Lässig jongliert er mit drei Äpfeln… Uray steht staunend daneben. Schöne Bilder, schöne Effekte.

Am Anfang von Henrietta Horns „Pixelmann“ ist der japanische Paravent dunkel. Vorsichtig schleicht sich ein blaues Band ein, läuft von rechts nach links, wird hell und dunkel. Menschen kommen aus den Kulissengängen, gehen über die Bühne. Immer neue Muster werden auf das karierte „Papier“ mit virtuellem Stift gezeichnet. Immer temperamentvoller klingen die japanischen Trommeln von Kodos „Yu Karak“. Ansteckend ist das. Alle tanzen. Wilson Mosquera Suarez vollführt ein Bodensolo, später legt er mit Ursina Hemmi eine flotte Nummer hin. Dirk Kazmierczak mischt mit. Der baumlange Schlacks Simon Wiersma begeistert mit einer Streetdance-Nummer. Anna Erikson, in Businesskostüm und Pumps streng wie eine Gouvernante, versucht wenigstens die Pixelmännchen, die die Leinwand erobert haben, zu ordnen und dirigiert das wuselige virtuelle Volk zu Rosario Smowings „Cara Bonito“– eine köstliche Nummer. Schließlich wälzt sich der Portugiese Tiago Manquinho in einem Leuchtquadrat auf dem Boden. Seine „Bodengymnastik“ wird auf die Leinwand projiziert. Andere drängeln sich um ihn, immer chaotischer werden die virtuellen Cluster, vervielfacht werden sie zu dekorativen Mustern in ständig wechselnder Farbgebung.

Bühnenausstatter Alfred Peter ist der Mann, der alle drei Choreografien unaufdringlich raffiniert optisch zusammengefügt hat. Herwig Baumgartner stiehlt mit seiner Pixelkunst zu guter letzt den Tänzern die Show. Für das kleine Bielefelder Ensemble ist dieser Abend die bisher größte Herausforderung, und man kann gar nicht genug staunen, wie weit die zehn Tänzerinnen und Tänzer in wenigen Wochen Probe mit den drei Choreografinnen über sich hinaus gewachsen sind.

www.theater-bielefeld.de

Veröffentlicht am 29.10.2012, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2012/2013

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