KRITIKEN 2011/2012



Dresden

DIE LETZTEN DIPLOME AN DER PALUCCA HOCHSCHULE FÜR TANZ IN DRESDEN

Sechs Tanzpädagoginnen stellen ihre Abschlussarbeiten vor


  • "Metamorphosen" von Annika Röhl Foto © Andreas Siegel
  • „Mit der Zeit wird die Maske zum Gesicht" von Anabel Blanco Iznaga Foto © Andreas Siegel
  • „Aus fünf mach Zelt" von Julia Leßmann Foto © Andreas Siegel
  • „Noch bin ich" von Caroline Roggatz Foto © Andreas Siegel
  • „Die Europa“ von Matthias Markstein Foto © Andreas Siegel

„Tanz to go“, so der Abend mit den Abschlussarbeiten der Tanzpädagoginnen, zugleich als letzte Präsentation eines Diplomstudienganges in Dresden. Künftig wird es nur noch Bachelor- und Masterstudiengänge geben, die auch bei veränderten Studienbedingungen und Konzeptionen für die Erlangung der Befähigung, fortan choreografisch und pädagogisch tätig zu sein existentiell sind.

Zum Abschluss des letzten Diplomstudiengang sechs Choreografien, keine gleicht der anderen. Gemeinsam ist ihnen aber immer der intensive Versuch, bewegte Menschen in Beziehungen zu setzen, zum Raum, zueinander, zu Musik, Klängen oder Worten, mehr oder weniger stringent einer thematischen Vorgabe zu folgen. Nur in der ersten Arbeit tanzen Frauen und Männer, fortan bleiben die Frauen unter sich. Annika Röhl nennt ihre Choreografie „Metamorphosen“ und folgt der thematischen Vorgabe ziemlich direkt, zunächst wenn aus bewusstem Gehen, rückwärts und vorwärts, sehr behutsame und konzentrierte Tanzformen entstehen, die Gruppe im Gegensatz zu einer einzelnen Tänzerin und deren Beschäftigung mit einem Schleier agiert. Das Ganze bleibt etwas schleierhaft, widmet sich der Themenvorgabe nochmals sehr direkt, wenn die Kostüme gewechselt werden, von Blau nach Weiß und wieder zurück.

Dass die Dinge nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen, beschäftigt Anabel Blanco Iznaga. Daher bietet sie unter dem Titel „Mit der Zeit wird die Maske zum Gesicht“ ein Spiel mit Neutralmasken, die ihre fünf Tänzerinnen als zweites Gesicht am Hinterkopf tragen. Schade, dass sie der Kraft der Bilder und der bewegten Körper nicht gänzlich vertraut und uns das, was wir ja gut sehen können auch noch mal wörtlich erklären lässt.

Dann sehen wir drei Frauen in wechselnden Lichtkreisen, sie würfeln, dabei wechselt die Größe der roten Würfel von einer Maxigröße aus Schaumgummi bis in eine fast nur durchs Klicken vernehmbare Superminigröße. Warum diese Arbeit „Können diese Augen lügen“ heißt, lässt sich wohl nur dahingehend nachvollziehen, dass die Augen der Würfel gemeint sind, was uns dann auch noch mal mit Worten vermittelt wird, nämlich dass das Leben wie eine Schachtel Pralinen sei und man nie wisse, was man bekomme. Weil es dieser Arbeit wohl doch ein wenig an Konsequenz und bewegungsmäßiger Konzentration mangelt, wissen wir das auch nicht.

Ein heiteres Tanzspiel für eine große Gruppe, das auf einem Bahnhof beginnt und alltägliche Erfahrungen drängelnder Menschen in tänzerische Prozesse verwandelt, stellt Luise Knofe unter dem Titel „Versus“ vor. Neun weibliche Platzhirsche in bewegungsintensivem Gerangel und choreografischer Ordnung mit der augenzwinkernden Schlusspointe, dass auch Tänzerinnen nicht gerade über Leichen gehen, aber schon mal ganz gerne auf dem Rücken ihrer Kolleginnen ganz hoch hinaus wollen.

Julia Leßmann nennt ihre Arbeit „Aus Fünf mach Zelt“, bezieht sich auf Goethe, „Wer in Zelten leben kann, steht sich am besten“, und schickt fünf Protagonistinnen auf einen Campingtrip mit Hindernissen und demonstriert recht humorvoll ganz nebenbei, dass man eigentlich alles tanzen kann. Auch hier kommt das Wort zum Tanz, aber hier macht es Sinn, wenn eine Tänzerin die Anleitung zum Aufbau eines Zeltes feierlich vorliest, ihre Kolleginnen echomäßig für den Nachklang sorgen, die Sprache bewegt, das Zelt entsteht und am Ende fünf Frauen ein selbstgefertigtes Dach über´m Kopf haben. Und das, versteht sich, zu flotten Klängen.

Wie wesentlich eine überlegte Auswahl der Musik ist, macht die Choreografie von Caroline Roggatz deutlich. „Noch bin ich“ heißt ihre Arbeit zu Musik aus dem Streichquartett Nr. 8, c-Moll, op.110, von Dmitri Schostakowitsch. Inspiriert wurde der Komponist zu diesem außergewöhnlichen Werk u.a. durch seinen Aufenthalt 1960 in Dresden, angesichts der Spuren der Zerstörung und der Berichte über die Bombenangriffe von 1945. Er hat das Werk den Opfern des Faschismus und des Krieges gewidmet. Die Kostüme der vier Tänzerinnen verweisen auf historische Zusammenhänge, man mag an Militär oder Straflager denken. In den Bewegungsrecherchen folgt die Choreografie der musikalischen Thematik, besonders der Expression des aufpeitschenden Allegro molto im zweiten Satz des Werkes. Thematisch mag man Einsamkeit, Unterwerfung, Demütigung und Überlebenskampf assoziieren, vor allem aber überzeugt der unaufdringliche, emotionale Gestus des Tanzes in der Korrespondenz zur musikalischen Vorgabe.

Eröffnet wurde der insgesamt so verschiedenartige, daher spannende, Abend mit der Choreografie „Die Europa“ von Matthias Markstein, der nach Studienabschluss als Dozent an der Hochschule tätig ist. Markstein lässt zu Musik für Cembalo von Georg Friedrich Händel sechs „Europen“ barockes Material in Formen des zeitgenössischen Tanzes verwandeln, Eroberungspunkte auf der Bühne mit Fähnchen markieren. Wo fängt Europa an, wo hört es auf? Ist es ein Ganzes oder letztlich doch ein Stückwerk in Schnipseln und Fetzen? Ein Gezänk, ein Spuk, dem bei übergroßem Augenzwinkern nur noch mit kunstfreier Pragmatik und dröhnendem Staubsaugereinsatz ein Ende bereitet werden kann? Dem Ende folgt ein Anfang, die Bühne ist frei, die Würfel können fallen.

Veröffentlicht am 20.07.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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