KRITIKEN 2010/2011



Stuttgart

DER STERBENDE SCHWAN, MAL ANDERS

Demis Volpis „Karneval der Tiere“ und eine kleine Ballettgala


  • Foto © Verena Fischer
  • Foto © Verena Fischer

Wie immer teilten sich das Stuttgarter Ballett und die John-Cranko-Schule die Ballettmatinee, die im Opernhaus alljährlich zugunsten der Aktion Weihnachten der „Stuttgarter Nachrichten“ stattfindet. Wie eng Ballettschule und Kompanie Hand in Hand arbeiten, bewiesen sowohl der an die Schule „ausgeliehene“ Jungchoreograf Demis Volpi mit seiner Uraufführung als auch der umjubelte Schluss der kleinen Ballettgala im ersten Teil. Zwei der jüngsten aus Reid Andersons Kompanie zeigten das fetzigste aller Gala-Bonbons, den Pas de deux aus „Don Quixote“. Daniel Camargo, frisch gekrönter Tanzpreisträger, bestach mit tadelloser Eleganz und feinstem Stilbewusstsein, genau wie seine strahlende Partnerin Elisa Badenes, die in der letzten Spielzeit aus London nach Stuttgart gekommen war. Der Absolvent der hauseigenen Stuttgarter Ballettakademie und die Starschülerin von der Royal Ballet School tanzen auf absolut gleichem, hohen Niveau und ergänzen sich prachtvoll. Die Zukunft kann kommen, den beiden fehlt nur noch einige Erfahrung. Von den etwas älteren Kollegen gab es einen federleichten, charmanten „Tschaikowsky Pas de deux“ mit Marijn Rademaker und Maria Eichwald, nach dem man einfach mal wieder abgrundtief dankbar war, dass sich die ehemalige Münchner Ballerina vor sieben Jahren dem Stuttgarter Ballett angeeignet hatte. Dem Balkon-Pas-de-deux von Hyo-Jung Kang und Alexander Jones fehlte doch noch viel Romantik, während Jason Reilly in Crankos „Legende“ locker eine nur halb geglückte einhändige Hebung austarierte, das sieht man auch nicht alle Tage. Sue Jin Kang hatte nicht eine Sekunde Angst. Zur den Chansons von Barbara flatterten Katja Wünsches Hände durch Marco Goeckes Solo „Tué“. Demis Volpi hatte bereits in seinen Noverre-Stücken und in „Big Blur“ im Schauspielhaus eine überbordende Fantasie bewiesen. Sein Vorrat ist nicht erschöpft, ganz im Gegenteil: der „Karneval der Tiere“ fasziniert mit optischen Ideen und amüsiert mit trockenem Witz, er ist kindgerecht goldig und doch modern, geht hochmusikalisch auf Camille Saint-Saens‘ bekannte Partitur ein und zeigt sich auch noch von der typischen Bewegungsart der jeweiligen Tiere inspiriert. Volpi lässt einen kleinen Jungen, den frechen Tim Faske, mit seinem Stofflöwen im Arm einschlafen und gleich darauf putzmunter durch seinen eigenen Traum springen. Dort ist der König der Tiere ein wenig eitel geworden und klettert waghalsig auf seinen Untertanen herum. Saint-Saens‘ Hühner sind hier noch gar nicht geschlüpft, sie staksen als große weiße Eier auf dünnen Beinen herum, bevor sie später tatsächlich die Schalen abwerfen, nur eine von vielen tollen Kostümideen der Ausstatterin Katharina Schlipf. Die träge Schildkröte schleift einen schweren Schal mit sich, auf dessen weit entferntem Ende der kleine Träumer ein Nickerchen macht. Die Elefanten schickt Volpi als Clowns in viel zu weiten grauen Hosen, sie ziehen aneinander an den Ohren, während die Kängurus als ein Trupp wehrhafter Boxerinnen antreten. Der Höhepunkt ist das Aquarium, eine Woge schillernder Arme, die wie ein geheimnisvoller Wasserorganismus züngeln und schweben, in einer unglaublichen Vielfalt irrlichternder, spielender Bewegungen. Statt des Kuckucks jagt der Junge ein kleines rotes Krümelmonster, das von Tänzer zu Tänzer zu hüpfen scheint und frech über deren Schultern linst. Dann ist noch Platz für einen Kaugummi schmatzenden Esel und eine Parodie aufs klassische Ballett, bevor sich Volpi eine kleine Bosheit erlaubt und den „Sterbenden Schwan“ (ja, genau von hier stammt dieses berühmteste aller Ballerinen-Solos, nicht etwa aus „Schwanensee“) vom Löwen fressen lässt. Da müssen ein paar Kinder schlucken, aber das turbulente Finale macht wieder alles gut. Nach den gemeinschaftlich choreografierten „Etüden“ und Brigdet Breiners „Zeitsprüngen“ hat die Cranko-Schule also schon wieder einen Knüller an der Hand, ein großes Ensemblestück, das man wieder und wieder sehen möchte. Diese Fülle an Kreativität ist schon erstaunlich und keineswegs die Regel an den großen Ballettakademien. Genau wie die lockere, völlig souveräne Bühnenpräsenz der kleinen und großen Interpreten dürfte sie vor allem dem Geschick des Schuldirektors Tadeusz Matacz zu verdanken sein. Auf ihn sollten die Kulturoberen der Stadt Stuttgart inzwischen genauso sorgfältig aufpassen wie auf Ballettintendant Reid Anderson.

Veröffentlicht am 08.12.2010, von Angela Reinhardt in Kritiken 2010/2011

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