KRITIKEN 2009/2010



Nürnberg

GOYO MONTERO MACHT GOYA UND BEETHOVEN ZUM AUSGANGSPUNKT SEINES NEUEN BALLETTS

Tanzpremiere «El sueño de la razón»


  • Foto © Ballett Nürnberg
  • Foto © Ballett Nürnberg

Nackte, verdrehte Gliedmaßen auf schwarzen Podesten. Auf den Ton verändern die Tänzerinnen sukzessive ihre Position, ziehen sich nach oben, rutschen in die Holzkästen, tauchen halb wieder auf.

Die Bewegung perlt von Körper zu Körper, ergießt sich über die schrägen Flächen in die Höhe und abwärts, um wie Wellen zurück zu wandern. Eine schimmernde, bewegte Körperkette auf schmalen Quadern, die irgendwann die Vorstellung von Klaviertasten und Musik ins Bewusstsein hebt. Man sieht förmlich, wie die Melodien sich erheben, schwingen, ausklingen, ein Eigenleben führen. Im nächsten Moment meint man die Tastenbewegungen selbst zu sehen. Der Komponist steht am Rand, schaut zu und integriert sich in das Treiben, bis es sich auflöst und zur nächsten Szene wandert. Im doppelten Sinne bringen hier Körper in der Wahrnehmung des Betrachters Musik hervor.

Diese besondere Materialität in seinen Tanzinszenierungen zeichnet Goyo Montero als zeitgenössischen Ballettchoreografen besonders aus und macht auch seine neueste Ballettproduktion zum Ereignis. Mit „El Sueno De La Razón“ – „Der Traum der Vernunft“ legt der Spanier in seiner zweiten Spielzeit am Staatstheater Nürnberg einen weiteren, betörenden Bilderbogen vor. Seine Inspiration fand der Ballettchef diesmal in Werk und Leben zweier zur selben Zeit lebenden Jahrhundertkünstler: Francisco de Goya und Ludwig van Beethoven verbindet, dass beide, zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert lebend und zu unbedingtem Künstlertum bestimmt waren, alle damit verbundenen Sonnen- und Schattenseiten durchlebten. Gezeichnet von Taubheit und Krankheiten, gelangten sie als Künstler zur Vollendung und bereiteten große Paradigmenwechsel vor – Beethoven als Vorläufer der Romantik, de Goya als Vorreiter des Surrealismus. Mit großem Gefühl für Rhythmus und Dramaturgie schiebt Montero die einzelnen Bild- und Lebenswelten ineinander. Das verträgt sich gut. Als Choregraf gelangt er dadurch zu seinem eigenen Thema – und offenbart genau hier eine einzige, kleine Schwachstelle: Der Tanz ist das Medium, das die Innen- und Außenwelten des Menschen gleichsam auszudrücken und sichtbar zu machen weiß.

Nahezu perfekt hat Montero dafür eine inszenatorische Form gefunden. In großartigen, beklemmenden Bildern meist in Schwarz, Rot und Weiß und frei von jedem Erzählzwang breiten sich Gefühle, Träume, Gedanken, reale Machtkonstellationen und Fiktionen der Künstlerfiguren Goya und Beethoven im Bühnendunkel aus. Wie schon in „Dornröschen“ wird der Schattenriss zum zentralen erzählerischen Mittel, die Montage von Rahmen- und Binnenszenen zur vorherrschenden Darstellungstechnik. Die ungemein athletischen Bewegungsflüsse bleiben sich dabei irgendwann jedoch sehr ähnlich. Mehr auf und in den Körper hinein, lautet hier die Forderung, das Gefühl und der Moment sein, die Körper zittern lassen!

Veröffentlicht am 30.06.2010, von Alexandra Karabelas in Kritiken 2009/2010

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Kommentare zu "Goyo Montero macht Goya und Beethoven zum Aus ..."



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