KRITIKEN 2007/2008



Stuttgart

DIE FARCE ALS LETZTE ZUFLUCHT

Egon Madsen und Eric Gauthier in "Don Q."


  • Eric Gauthier und Egon Madsen Foto © Regina Brocke
  • Eric Gauthier und Egon Madsen Foto © Regina Brocke

Sind es Don Quixote und sein Diener Sancho Pansa, die sich hier gegenseitig trösten, oder sind es Wladimir und Estragon? „Don Q.“, die neue und „nicht immer getanzte Revue über den Verlust der Wirklichkeit“ im Stuttgarter Theaterhaus, zieht eine direkte Linie von Cervantes zu Samuel Beckett. Zwei traurige Clowns zaubern sich gemeinsam Illusionen vor und verzweifeln vor sich hin, sie warten auf Godot oder auf Dulcinea, auf irgendetwas, wahrscheinlich den Tod. „Don Q.“ ist in der Ballettwelt bekanntlich das liebevolle Kürzel für das alte Petipa-Schlachtross „Don Quixote“. Auf den sonnendurchfluteten Ballettklassiker bezieht sich die erste eigene Tanzproduktion des Stuttgarter Theaterhauses seit langer Zeit, und die erste mit dem neuen Tanzchef Eric Gauthier. Er ist das junge Gegenüber zum weiß gelockten Egon Madsen, auch er ein früherer Publikumsliebling beim Stuttgarter Ballett wie Gauthier und mehr als doppelt so alt wie dieser. Die subtile Schauspielkunst dieser beiden Balletttänzer trägt das siebzigminütige Zwei-Personen-Stück, das, obwohl es um das Vertreiben der Zeit geht, nicht eine Minute langweilig ist. Sauber aufgereiht steht Mobiliar am Rande eines genau abgegrenzten Raumes (Ausstattung: Emma Ryott), den die beiden Eingesperrten nie verlassen: ein kaputtes Klavier, ein Fahrrad, Kleider, Kartons und Koffer. Rosinante ist ein Schaukelpferd, daran lehnt ein Holzschwert, eine kleine Windmühle lugt übers Schrankeck. Wir sehen einen Tag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, gefüllt mit gut einstudierten Ritualen des fröhlichen Verdrängens - das fängt mit Grimassenschneiden an, geht über Teebeutelweitwurf bis zum Konfettiregen. Schon wie die beiden morgens ihre Hosen anpirschen, ist witzig. In den besten Momenten vergessen sie sich völlig und toben glückselig vor Albernheit über die Bühne, aber immer wieder bricht die Illusion zusammen, hinterlässt immer größere Depression, gegen die zu kämpfen immer mühsamer wird. Grummelnd und muffelnd, aber mit unendlicher Liebe (also genau wie Sancho Pansa) kümmert sich der Jüngere der beiden darum, dass der alte Träumer glücklich ist - er spielt ihm die Windmühlen vor, gegen die sich zu kämpfen lohnt, er holt die Karnevalshütchen raus, ja er zaubert ihm eine Vision der ersehnten Dulcinea vor, macht sich als blonde Drag Queen so schrecklich lächerlich, dass einem die Tränen kommen. Wenn er zu übermütig wird und sich zu wohl fühlt, dann quält ihn der Alte, aber selbst das erträgt der Junge, stoisch und traurig. Er tut einfach alles, um diese entsetzliche Verlorenheit zu vertreiben, die in Egon Madsens Augen aufscheint, wenn Don Quixote in die Wirklichkeit erwacht. Es kommt einem fast unheimlich vor, wie stark sich diese beiden Tanzschauspieler ähneln - in ihrer Fähigkeit, mit einem schiefen Blick den Saal zum Brüllen zu bringen, in ihrer Energie und kindlichen Begeisterung, in ihrer schmerzvollen Intensität. Das Stück legt aber auch das längst verschüttet geglaubte Talent des Choreografen Christian Spuck wieder frei, der hier weit von der aufgesetzten Ästhetik seiner letzten Werke beim Stuttgarter Ballett plötzlich wieder Ideen und ein Ziel hat. Unterbrochen durch originelle Einlagen von Shuffle bis Disco sieht der Tanz anfangs noch ganz Spuck-typisch aus, später aber werden die Bewegungen der tröstenden Duos und resignierten Solos immer ausdrucksvoller, immer wahrhaftiger. Meisterhaft zeigt Spuck den schmalen Grat, auf den sich die Beziehung gerettet hat, die ständig kippende Balance zwischen Lachen und Weinen. Wohl nennt er seinen „Don Q.“ eine Revue, was für die Collage aus Schubert-Liedern, Schnittke, lautem Feelgood-Pop und Ausschnitten aus Ludwig Minkus‘ Ballettmusik sicherlich zutrifft. Die Dramaturgie aber läuft stringent durch, der Weg in den Abgrund wird immer steiler. Für den traurigsten aller Don Quixotes und den treuesten aller Sancho Pansas bleibt einzig die Farce als letzte Zuflucht vor dem Nichts, aber „Don Q.“ ist kein purer Existenzialismus - das Stück wagt mehr Hoffnung als sein Vorbild Samuel Beckett, weil es bei aller Verzweiflung an Trost und Liebe glaubt. Links: www.theaterhaus.com www.christianspuck.com www.ericgauthier.com

Veröffentlicht am 08.09.2007, von Angela Reinhardt in Kritiken 2007/2008

Dieser Artikel wurde 3013 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Farce als letzte Zuflucht"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LEUTE AKTUELL


HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion


MALEN MIT DEM MENSCHEN IN ZEIT UND RAUM

Am heutigen Sonntag wird Hamburgs Ballettintendant 80 Jahre alt. Happy Birthday, John Neumeier!
Veröffentlicht am 24.02.2019, von Annette Bopp


TANZ MUSS EINE NACHVOLLZIEHBARE LOGIK HABEN

"Er… Sie… und andere Geschichten" von Renate Graziadei und Arthur Stäldi
Veröffentlicht am 22.02.2019, von Volkmar Draeger



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



MÜNCHNER TANZBIENNALE DANCE STELLT FESTIVALPROGRAMM 2019 VOR

16. Internationales Festival für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München vom 16. bis 26. Mai 2019

Das Programm der 16. Münchner Tanzbiennale haben Dr. Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, und Festivalleiterin Nina Hümpel auf der heutigen Pressekonferenz im Münchner Literaturhaus vorgestellt.

Veröffentlicht am 07.03.2019, von Pressetext

LETZTE KOMMENTARE


ENGAGEMENT VERLOREN

Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

MEISTGELESEN (7 TAGE)


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


DEMIS VOLPI WIRD BALLETTDIREKTOR UND CHEFCHOREOGRAF DES BALLETTS AM RHEIN

Zur Spielzeit 2020/21 tritt der Choreograf die Nachfolge von Martin Schläpfer an

Veröffentlicht am 15.03.2019, von Pressetext


„I WANT TO STINK AGAIN“

Uraufführung von Doris Uhlichs „Tank“ im tanzhaus nrw

Veröffentlicht am 15.03.2019, von Anja K. Arend


ARCHAISCHE ALLEGORIE

Europapremiere in Hamburg auf Kampnagel: „Omphalos“ von Damien Jalet mit dem „Center of Contemporary Dance“ (CEPRODAC) aus Mexico City

Veröffentlicht am 17.03.2019, von Annette Bopp


FLUCH UND CHANCE DER EVOLUTION

„Ultimatum“, der neue dreiteilige Abend der Dresden Frankfurt Dance Company

Veröffentlicht am 11.03.2019, von Boris Michael Gruhl



BEI UNS IM SHOP