Scholztalgie in Leipzig
„Scholz-Symphonien“ von Uwe Scholz beim Leipziger Ballett
Es ist seit dem Antritt von Rémy Fichet als Ballettdirektor des Leipziger Balletts eine kleine neue Tradition. Einmal pro Saison gibt es einen Abend, der das Werk Uwe Scholz würdigt. Letzte Spielzeit waren es die „Zweite“ und die „Siebte“ nach Beethoven. Scholz war hier ab 1991 bis zu seinem Tod der Künstlerische Leiter des Balletts der Oper Leipzig und hat die Sparte nach der deutschen Vereinigung mit Verve modernisiert und positioniert. Dabei hat er nicht nur neue Werke erarbeitet, sondern auch aus seinem umfangreichen Oeuvre geschöpft.
Aus diesem Fundus stammen auch die beiden Stücke, die am Sonntag in Leipzig zur Wiederaufführung kamen: „Jeunehomme“, uraufgeführt 1986 mit Les Ballets de Monte-Carlo und 2000 erstmalig in Leipzig gezeigt, sowie „Drittes Klavierkonzert“, eine Arbeit mit dem Ballett Zürich von 1987 und in Leipzig 1997 präsentiert. Titelgebend für die Neuaufnahme sind die beiden Komponisten der zugrunde liegenden Musik dieser sinfonischen Tanzstücke. Von Wolfang Amadeus Mozart ist das 9. Konzert für Klavier für Orchester in Es-Dur (KV 271) zu hören (am Klavier: Sebastian Fuß) und von Sergej Rachmaninow bringt das Gewandhausorchester unter der künstlerischen Leitung von Yura Yang, Kapellmeisterin an der Oper, das 3. Klavierkonzert op. 30 in d-Moll zu Gehör (am Klavier: Paulo Almeida). Der Titel daher in aller Kürze „Mozart/Rachmaninow“.
Mit Mozartzöpfchen ins Allegro
Es beginnt Wien. Kammertänzer Flavio Salamanka mit wunderbarem Mozartzöpfchen nimmt die große Bühne für sich. Schwungvoll und spielerisch tanzt er durch den ersten Satz, während von der Seite immer wieder kurz Paare für Pirouetten und andere klassische „Spielereien“ auftauchen und meist wieder nach wenigen Takten verschwinden. Salamanka aber bleibt, dreht sich, springt und spreizt sich mit ausladenden Armen, dass es mitunter wirkt wie der unangepasste Paradiesvogel im Hühnerstall. Im Hintergrund prangt in riesengroßer Projektion die Handschrift der Partitur. Der zweite Akt gehört dann Soojeong Choi und Timoteo Mock, die aus dem Dunkeln kommend und nun im Andantino eine deutlich schwerere Atmosphäre zu tragen haben. Sie verwandeln mit viel Hebungen und Drehungen das sinfonische Stück in einer Art Abschiedsszene. Der dritte Teil ist dann deutlich freudvoller, es geht mehr durcheinander in diesen an Mondrian orientierten Kostümen. Die ganz großen Bilder aber fehlen, die Choreografie (wieder einstudiert von Rémy Fichet) setzt vor allem auf Pirouette und kommt daher nicht nur tänzerisch, sondern auch in den Rollenbildern klassisch daher.
Die fast 40 Jahre sind tatsächlich nicht spurlos an Scholz’ Weg vorbeigegangen, und was damals innovativ und bahnbrechend war, wirkt heute mintunter etwas angestaubt. Das liegt nicht am tänzerischen Handwerk, nach einigen Unsicherheiten zum Start funktionieren Gruppenszenen fast perfekt und die Pas de Deux und Soli ohnehin. Aber die Bewegungen wirken geborgt, es sind nicht die eigenen.
Wie wird das zeitgemäß?
Das gilt auch für den zweiten Teil (einstudiert von Laura Costa Chaud, Isis Calil de Alberquerque und Tatjana Thierbach), wo regelmäßig Tänzerinnen eingerollt wie kleine Kugeln durch die Gegend getragen werden. Hier zeigen sich immerhin auch die großen Ensemblebilder, die unter anderem Scholz Stärke ausmachen, wenn etwa gleich zum Start die vierzigköpfige Company in acht Reihen gleichsam im Rhythmus tanzt, oder zum großen Crescendo die Tanzpaare von beiden Seiten auf die Bühne drängen, begleitet vom Schlagwerk. Bei den Pas de Deux sind es Soojeung Choi und Evandro Boosle sowie Yung Kyeong Lee und Julianso Toscano, die hier die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mit großer Präzision nehmen sie sich den Raum. Wenn sich mittendrin Soojeong Choi von vier starken Männern im Spagat heraustragen lässt, oder Andrea Carino sich in einer Art Sacre-Pose auf dem Rücken liegend durch den Bühnenraum tragen lässt, ist das schon stimmig. Fragwürdig ist es aber für einen heutigen Blick, wenn die Company mit gestrecktem rechten Arm daher kommt.
Sicher, das sollte nicht politisch interpretiert werden, aber wie kann es eigentlich interpretiert werden? Auffallend ist ja gerade die absolute Einheit zwischen Tanz und Musik. Da passt kein Notenblatt zwischen. Diese hermetische vierzig Jahre alte Eindeutigkeit, die auf kein wie auch immer geartetes Außen verweist, wirft natürlich dennoch eine entscheidende Frage auf: Ist das noch Traditionspflege oder ist es schon Museum? Denn einen Anschluss ans Heute hat dieser Abend bei aller Virtuosität im Graben und auf der Bühne nicht – auch das scheint eine neue Tradition zu werden.
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