„Tune Back (time)“ von go plastic company, Tanz: Rika Yotsumoto, Suzette Sagisi, Cindy Hammer, Kevin Albancando und Kirill Berezovski (v.l.n.r.)

Dieses warme Gefühl

„Tune Back (time)“ der go plastic company im Lofft Leipzig

„Damals“ heißt hier: als die CDs noch hängenblieben. Wie sieht das aus, wenn man Erinnerungen einen Besuch abstattet? Und was, wenn das gar nicht die eigenen sind?

Leipzig, 05/09/2026

Es ist nicht direkt nett gemeint, wenn man jemanden als „rückwärtsgewandt“ bezeichnet. Im Fall der neuen Arbeit „Tune Back (time)“ der go plastic company aus Dresden ist das aber, wie so oft, eine Frage der Perspektive. Fünf Performer*innen zeigen dem Publikum eine ganze Stunde lang nur ihre Rückansicht. Mimik? Ausgeschlossen. Trotzdem wird das Publikum hier nicht alleingelassen. Den Rücken im übertragenen Sinn kehrt dem Publikum hier nämlich niemand zu. Stattdessen ist der Blick und damit der Fokus der Performer*innen in die gleiche Richtung ausgerichtet wie der des Publikums. 

Damit ist offen, ob es sich um einen Blick „zurück“ handelt; in dieser Gemeinsamkeit geht er zumindest eben nicht „weg“. Stattdessen wird die Zuschauertribüne im Lofft dank der smoothen Sounds von David Le Thai wohlig in massierende Schwingungen versetzt. Der Retro-Ansatz trägt den formschönen Begriff „vaporwave“, eine Art nostalgischer Rückgriff auf Popästhetiken der 80er und 90er Jahre, eine bewusst distanzierte Mischung aus Fahrstuhlmusik und Airbrush-Motiven. Musiker Le Thai rollt auch gleich zu Anfang leicht ironisch auf einem Skateboard quer durchs Bild. 

Das ist alles weich, warm und cosy. Aus dem Off heißt es: „Although this is not the beginning, we start here.“ Ein bewusster Zugriff von außen auf eine Zeit, die ganz klar in individuell-subjektiver Ferne liegt: Das überwiegend sehr junge Premierenpublikum dürfte das, damals in den Windeln steckend, so nicht selbst erlebt haben. Der Begriff des „revisiting“ ist deshalb relativ. Second hand memories, sozusagen. Kein Wunder, dass Rika Yotsumoto da erst mal ungeschickt reinstolpert, über die eigenen Füße fällt und schließlich am Boden landet. Diese Maschine für Zeitreisen läuft bewusst unrund. Es geht nicht um möglichst authentische „Wiederbelebung“. Stattdessen die Frage: Wie stehe ich in diesem so sonderbaren Raum?

Die gute alte MTV-Ära

Es sind wie althergebrachte Hip-Hop-Moves, die gute alte MTV-Ära, in die hinein und aus der heraus die Performer*innen wortwörtlich pendeln, hin und her. „Vaporwave“ spielt mit der Manipulation der ursprünglichen Geschwindigkeit musikalischer Tracks. Und das tun die Bewegungen natürlich auch. Da wird, ganz folgerichtig, auch mal jeder Takt ausgetanzt. Als hätte die CD einen Kratzer, hängen die Sounds in kleinen Glitches. „Watch, but don’t touch“, heißt es da. Das Schöne daran sei die Möglichkeit „to get carried away without getting lost“. Es ist das Vermissen einer Zeit, die mal war, die man selbst aber gar nicht kannte. Rewind, rückwärts im Kreis laufen, aber ohne etwas zurückbringen zu wollen. 

Die Performer*innen versuchen gar nicht, kollektiv etwas heraufzubeschwören. Alles bleibt individueller Zugriff, ein eigenes Erleben. Entsprechend verschieden wirken sie einzeln. Und immer wieder setzen sie sich vereinzelt auf freie Plätze in der ersten Reihe, schauen zu, als würden sie selbst dadurch etwas erfahren können. Dieser Blick zurück bleibt ein Blick von außen. Dadurch rutscht niemand in echte Nostalgie. Gleichzeitig gelingt es „Tune Back Time“ dadurch, das Publikum wunderbar „einzulullen“. Am Ende der Premiere ließ der Applaus auffällig lange auf sich warten. Wer will schon freiwillig zurück aus diesem weichen Bummelland?

Ende November wird das Stück in Dresden im Festspielhaus Hellerau zu sehen sein, erstaunlicherweise aber nicht auf der kleinen Bühne. Die Frage danach, ob das auf der so deutlich größeren Bühne dann auch so eine intensive Wirkung entfalten kann, ist ziemlich reizvoll. 

 

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