„Echos“ von Frank Fannar Pedersen und Javier Rodríguez Cobos, Tanz: Tanzkompanie St. Gallen

This is hot, people!

Tanzkompanie St. Gallen mit dem Doppelabend „Echos“

Kann es funktionieren, wenn beide Werke eines Abends in den Händen derselben Choreografen nebst denselben künstlerischen Teams liegen?

St. Gallen, 12/04/2026

Anfang des Jahres wurde der Vertrag von Frank Fannar Pedersen als künstlerischer Leiter der Tanzsparte am Theater St. Gallen bis 2030 verlängert. Mit dem Abend „Echos“ (Premiere war Mitte März) beweist der Isländer, dass er die Kompanie souverän auf Erfolgskurs führt – als Leiter wie auch als Choreograf. Seine Truppe demonstrierte am gestrigen Abend wieder mal fulminant Einheit in all ihrer spannenden Unterschiedlichkeit. Und es wird ihr ungeheuer viel abverlangt an diesem zweieinhalbstündigen Abend. 

Beide Werke beleuchten das Phänomen des Echos aus verschiedenen Richtungen, das Echo im Innen und im Außen, seine Verbindung zwischen Raum und Körper, die zwischenmenschliche Resonanz.

„Vier Jahreszeiten“

In einem schlichten und klaren Bühnenbild (Tina Tzoka) mit grauen Wänden, vier Türen und einem Fenster quillt „Vier Jahreszeiten“über vor Detailreichtum und Fantasie. Die Musikwahl fiel auf Max Richters Neukomposition „Four Seasons Recomposed“, und das Sinfonieorchester St. Gallen unter Stéphane Fromageot (Violine: Elias David Moncado) glänzt damit.  

Das Konzept, das Frank Fannar Pedersen und Javier Rodríguez Cobos entwickelt haben, ist dramaturgisch fein durchdacht. Die Jahreszeiten geben Rhythmus und Atmosphäre vor. Videos (Guillaume Musset, Rubén Dario Bañol Herrera), die hinter dem Fenster den Ausblick in wechselnde Wolkenformationen und Himmelsfarben vorgaukeln, reflektieren ihre Stimmungen. Auch das Licht von Lukas Marian trägt sie gleichermaßen subtil wie präsent mit. Ein Gesicht, das plötzlich ins Innere blickt, holt kurz die Außenwelt sehr nah.

Der Innenraum ist ein begrenzter Kosmos, in dem sich die elf zeitlos gekleideten Tänzer*innen (Kostüm: Desirée Müller) in unterschiedlichen Konstellationen begegnen. Durch ein Wand-Mikrofon verkünden sie die Tagestemperatur, kommentieren die äußeren und inneren Wetterlagen in unterschiedlichen Sprachen. 

Witz und Theatralik

Der Choreografie von Pedersen und Rodríguez Cobos wohnt Leichtigkeit und Fluidität inne. Sie oszilliert zwischen leiser Sanftheit, Fragilität, expressivem Drang, Kraft und ungeheuer viel Witz und Theatralik.

So findet sich Andrea Lippolis unversehens konfrontiert mit einem Sessel, der ihm keine Ruhe gönnen will. Jede neue Sitzposition wird störrisch schlingernd boykottiert. 

Ein Duett von Charmene Pang und Tommaso Terribile zeigt teilweise geradezu absurde, semi-akrobatische Bewegungsabfolgen, die mit ihrer geschickten Choreografie und der phänomenalen Umsetzung einfach hinreißend sind. Gleiches gilt für ein urkomisches Trio von Venetia Lim und Ariadni Toumpeki mit einer – ja! – Tür. 

Der Raum verengt sich nach einer unwiderstehlichen und doch unerwiderten Liebeserklärung von Andrea Lippolis. Um sich dann zu öffnen zum Schlussbild: Alle schauen aus dem Fenster in die Mondnacht. Was Gefahr laufen könnte, als Kitsch anzumuten, wird sofort durchbrochen, denn plötzlich erblicken sie unter dem Fenster auf kargen Betonboden erneut denjenigen, der bereits vorher durch die Scheibe gespäht hatte. Raffiniert spannt dies den Bogen zum zweiten Stück. Wer er ist, sei nicht verraten.

„Echos“

Nach der Pause wartet ein Setting, das konträrer kaum sein könnte: Ein karger und durch Dunkelheit entgrenzter Raum mit einem grauen Gebirge.

In den Händen der Tänzer*innen sorgen Resonanzschalen mit Kugeln für einen intensiven, mystischen Auftakt. Der Klang durchdringt den gesamten Theaterraum und wird sehr bald vielfach potenziert durch die mächtige Stimme des großen Schweizer Vokalisten Christian Zehnder, die vom Gipfel hinunter erklingt. 

Die Komposition von „Echos“ stammt von ihm. Sein Sohn Till Zehnder, ebenfalls auf der Bühne, ist der Sounddesigner, hat die musikalische Leitung inne und beamt die elektronischen Klänge durch den Raum. 

Natur- und Stimmgewalt

Es entfaltet sich mit rasanter Choreografie ein archaisch anmutendes Geschehen, inmitten dessen Zehnder stimmlich und teils szenisch wie die personifizierte Naturgewalt agiert. Ein Territorium, das sich Unterwerfung entzieht, wird erkundet. Das Gebirge entpuppt sich dabei als eine Art Hüpfburg für Profis. 

Zehnders Stimme mit ihrer rohen, erdigen Intensität und ihrer schier unfassbaren Palette von Tönen und Obertönen treibt und trägt die Tänzer*innen durch das Stück - und sorgt auch in den Körperzellen des Publikums für Nachhall. Klang, Tanz und Licht vereinen sich mit soghaft-atmosphärischer Kraft. Ein Erlebnis.

Leiser, fast sphärisch anmutend, endet dieses Stück. Ariadni Toumpeki singt mit heller Stimme auf Mundart das Volkslied „Abendstern“. Dicht zusammenstehend, in Resonanz miteinander, lassen es alle gemeinsam im Chor ausklingen. 

Beide Produktionen dieses Tanzabends sind eine einzige Freude und überzeugen auf ganzer Linie. Größter Respekt allen Beteiligten!

 

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