„SOMEtimes all it takes is a little more TIME” von Stephan Herwig. Tanz: Mitte (grüne Bluse): Erica D’Amico, hinter ihr (hellblaue Bluse):  Jennie Boultbee, rechts stehend: Anima Henn, rechts waagrecht: Susanne  Schneider, unten im gelben Oberteil: Hikaru Osakabe

Der Duft der Nähe

„SOMEtimes all it takes is a little more TIME” von Stephan Herwig im schwere reiter München

Zu seinem 20-jährigen Produktionsjubiläum lässt der Münchner Meister des Minimalismus elf Tänzer*innen frei – für insgesamt 12 Stunden Tanz in aller Stille, der sanft die Sinne anspitzt.

München, 21/09/2026

Der exakte Neigungswinkel eines Kopfes oder das kurze Rucken, mit dem ein Körper eine Bewegung unterbricht oder beschleunigt: Alles kann zum Ereignis werden, wenn der Rahmen stimmt. Und der ist in Stephan Herwigs choreografischer Jubiläumsfeier immer mal wieder komplett leer. Keine Musik, kein Geräusch, nur ein paar Menschen, die fast unmerklich schwankend im Raum stehen wie Gräser in einer sachten Brise oder auf dem Boden sitzend aneinander vorbeischauen, während das Licht eine Morgen- oder Abenddämmerung simuliert. 

Und da ist man schon mittendrin in der Sehschule des Stephan Herwig. Denn „leer“ ist da natürlich nichts. Absolute Stille muss auf der Bühne genauso hergestellt werden wie eine Situation, in der sich eine Vielzahl optischer und akustischer Reize überlagern. Und ist da nicht doch ein leiser Schrei zu hören? Eine Möwe, Grillengezirpe, eine Walgesangs-Strophe? Und das Licht: Welcher geheimnisvolle Rhythmusgeber schaltet eigentlich ein um die andere rote Neonleuchte ein?

Das ist es, was der extreme Minimalismus des Stephan Herwig einem gibt: Zeit für solche Beobachtungen. Und zu seinem zwanzigsten Produktionsgeburtstag (als Tänzer ist Herwig schon viel länger auf der Bühne) schenkt er einem noch mehr davon. Genau genommen zwölf Stunden, gerecht verteilt auf drei Tage, die man mit einem Ticket besuchen kann, um mit einem für seine Verhältnisse ungewöhnlich großen Cast von elf Tänzer*innen in eine meditative Zone einzutauchen. 

Kontrollierte Öffnung der Werkstatt

„SOMEtimes all it takes is a little more TIME“ heißt folgerichtig die Veranstaltung, denn ein Stück ist es eigentlich nicht. Eher eine kontrollierte Öffnung der Werkstatt des Choreografen, der seit seinem Debüt „The Sanctuary Project“ (2006) sechzehn Arbeiten in der Münchner freien Szene gezeigt hat. Theatralere und thematisch konkretere wie „Editorial Bareback“ (2013), aber mehrheitlich und zunehmend auch sehr reduzierte wie „BREATHER“ (2025), worin sich zwei ineinander verschlungene Körper wie in einer einzigen langsamen Bewegung voneinander lösen.

Einige Elemente aus Herwigs Œuvre erkennt man am ersten der drei Abende wieder, zum Beispiel etliche Varianten der für ihn typischen Drehbewegungen, bei denen der erste Schwung aus einer leichten Gleichgewichts-Unwucht kommt und aus dem ersten Wirbel der Impuls für das Ausschweifen im Raum. „SOMEtimes …“ zeigt aber keine (Best of-)Szenen aus älteren Stücken, sondern basiert auf Aufgaben, die Herwig seinen Tänzer*innen auf früheren Proben gestellt hat. Die in den Wochen vor der Premiere entwickelten und vom Choreografen selektierten individuellen Antworten der Tänzer*innen darauf sieht man hintereinander weg und in wechselnden räumlichen und personellen Konstellationen. Wenn Einzelne das Feld verlassen und sich zu den rundum auf Sitzkissen und Bänken lagernden Zuschauer*innen gesellen, geschieht das meist umstandslos. Das Neu-Dazukommen dagegen hat mehrere Gesichter. 

Was die „bewegte Körperinstallation“, wie Herwig sie nennt, nicht hat, ist eine Steigerungsdramaturgie. Aber sie atmet, kehrt von wenigen dynamischen Szenen mit Musik immer wieder zu leisen und ereignisarmen zurück. Sie hält einen nicht bei der Stange und will es auch nicht. Dass Leute frei kommen und gehen können ist Teil des Angebots. Sie bekommen dafür eine kleine Flucht geboten vor einer lauten, schnellen, eventfixierten und zunehmend aggressiven Außenwelt. Ob diese Einladung zur Entschleunigung schon ein politisches Statement ist, muss jede*r für sich selbst entscheiden, ebenso wie jede*r Besucher*in hier eigene Entdeckungen machen kann.

Aktivierung des Raums

Meine war die, wie Herwig den Raum und die Luft zwischen den Tänzer*innen aktiviert. Wenn sie sich – mit einigem Abstand zwischen den Einzelnen – fast unmerklich zueinander hin lehnen, wird plötzlich fast sichtbar, wie sie die Luft alle trägt, trennt und verbindet. Und während ihre Blicke oft fast gelangweilt ins Leere gehen, scheinen sie einander dabei förmlich zu wittern. Besonders auffällig ist das in den liegenden und stehenden Körper-Skulpturen, zu denen sich unterschiedliche Gruppen zusammenfinden. Diese Menschentürme und -knäuel, die mit Nasen, Mündern und Händen nacheinander suchen und sich immer nur fast oder dann doch überall berühren, gelingen sowieso kaum jemandem so zart und anrührend wie ihm.

Sich auf diesen Zoom auf das Kleine einzulassen ist gewiss nichts für Jede*n. Und erstaunlich anstrengend ist es auch. Aber sind die Sinne erst angespitzt, winkt früher oder später ein Moment, in dem man mehr sieht als zuvor. Sometimes all it takes is a little more time.

 

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