Neue Spitze für Ausbildung in München
Michaela Bosshard wird Geschäftsführerin der Ballett-Akademie an der HMTM
Der Mensch braucht im Leben Konstanten. Dazu gehören nicht nur die am Ende des Schuljahres liegenden Soirees der Ausbildungsstätten, bei denen in der Regel alle Schüler*innen und Studierende auf der Bühne stehen. Dazu gehört auch die innere Struktur eines solchen Großereignisses. Im Fall der Palucca Hochschule für Tanz Dresden heißt das für die 150 Tanzschüler*innen im Schauspielhaus: Der Abend, dieses Mal mit insgesamt elf Arbeiten, beginnt ganz vertraut mit einem Stück der klassischen Balletttechnik. Nach Marius Petipas „Raymonda“ ist gleich mal eine aus drei Bachelor-Jahrgangsstufen zusammengemischte Truppe unterwegs. Und schon werden damit die Konstanten weggespült: Dass zwei Jahrgänge miteinander kombiniert werden, ist bei dieser Soiree nichts Neues. Aber gleich drei? Das Experiment geht tatsächlich auf. Unterschiedliche Leistungsniveaus? Egal. Wenn eine Choreografie dem Rechnung tragen kann, passt das. Und das ist hier der Fall. Man muss kein Fan der „alten“ Technik sein, um diese Leistung mit Genuss goutieren zu können.
Auch die Nachwuchsförderklassen 2 bis 4 (Klassenstufen 7-10) werden miteinander kombiniert, hier zu einem flirrenden Stück auf Spitze („Phase“ von Martin Chaix) zu einer typisch minimalistischen Komposition von Steve Reich. Angesichts des Pendelns in den Bewegungen fällt einem ein, dass die Schüler ja auch schon „In C“ von Sasha Waltz auf dem Programm hatten. Irgendwie liest sich das als entspannte Weiterentwicklung.
Für das Stück „Puzzle“ von Angelika Forner hat Friedemann Stolte, Korrepetitor am Haus, die Lieblingsgeräusche der Schüler*innen in der Orientierungsstufe 1 und 2 (Klassenstufen 5 und 6) gesammelt. Das Quietschen eines Luftballons, dem die Luft entweicht, das Klirren der Zähne eines Kamms ... Dieser akustische Bummelkasten verbindet sich mühelos mit dem bunten Gewusel auf der Bühne. Nur ist das hier genauso tricky wie im Fall von Michael Tuckers „Right Foot Left Foot“ für die Nachwuchsförderklasse 1. Zwischen „kindgerecht“ und „kindisch“ liegt ein schmaler Grat. Ein „Ach Gott, wie süß!“ im Publikum deutet in der Regel auf ein belangloses Sujet hin. Sicherlich ist es unterhaltsam, wenn die jungen Tänzer*innen mit ihren Schuhen spielen, aber es ist eben auch belanglos. Dass das anders wirklich funktioniert, hat zum Beispiel letztes Jahr Maria Chiara de Nobili in „Youth“ gezeigt, das genau dieser Klassenstufe thematische Tiefe und Komplexität zugetraut hat. Die technische Forderung ist eben nicht alles.
Zeitgemäß und souverän
Als Konstante neben der Verleihung der Stipendien, die inzwischen auf fünf Stück angewachsen sind, gilt auch die Würdigung ausgesuchter aktueller Bachelor-Arbeiten. Und dass dieses Mal mit „~13 Reasons~“ von Mariia Kravets die (zugegeben: subjektiv) beste des Jahrgangs dabei war, kann man nur beklatschen.
Was allerdings wirklich zu einer neuen Konstante werden sollte, ist das Choreografieren auf Spitze zu schmissig fetten Beats. Denn neben allem Contemporary und Improvisation ist das ja eben gerade eine der drei tragenden Säulen der Ausbildung an der Hochschule. Letztes Jahr haute der ehemalige Solist des Semperoper Balletts Claudio Cangialosi dem geneigten Publikum sein „Rabbit“ mit dem Sound von Solomun um die Ohren (und Augen). Heuer schickt Manoela Gonçalves die Studierenden des 2. und 3. Bachelor-Jahrs für „Inner States“ souverän-geschmeidig mit Max Richters Komposition „Winter 1“ ins Rennen, um sie dann mit „Still Summer“ von Jamie XX ohne mit der Wimper zu zucken, zwei Gänge hochschalten zu lassen. Wer bis dato der Meinung war, Spitzentechnik wäre outdated, hält ab sofort den Mund. Was will man mehr?
Das eigentlich Schöne an diesen Programmen ist die Tatsache, dass im Publikum irgendwie niemand so richtig ein kritisches Auge auf die Choreografien selbst werfen will. Die Leistungen der Schüler*innen und Studierenden sind viel wichtiger. Und hier finden sich in jeder einzelnen Klassenstufe hervorragende Talente, die immer wieder unerwartet aufblitzen. Natürlich sitzen im Publikum mit Tante und Opa reihenweise „Claqueure“, aber genau das sollen sie auch sein. Gerade dadurch laufen ja alle zu Höchstleistung auf.
DAAD-Preis:
Elias Stefanescu (Bachelor-Studiengang Tanz)
Deutschlandstipendien:
Diana Gill (Master-Studiengang Tanzpädagogik)
Anthony Juo (Bachelor-Studiengang Tanz)
Clarisse Pache Pimentel (Nachwuchsförderklasse)
Karina Makarenko (Bachelor-Studiengang Tanz)
Miyu Shimokaisho (Bachelor-Studiengang Tanz)
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