„Résonances Chopin“ von Dominique Dumais, Tanz: Matisse Maitlan und Ensemble

Spiel mit dem Piano

„Résonances Chopin“ von Dominique Dumais am Mainfranken Theater Würzburg

Dominique Dumais inszeniert noch einmal ihr 18 Jahre altes Tanzstück und nimmt dabei das Publikum mit auf eine romantische Reise.

Würzburg, 08/11/2026

Sie tanzen zu seinem Klavierspiel. Sitzen am Rand des Grabens, den man eigens für seinen Flügel in die Bühne eingelassen hat, und lauschen andächtig der Musik. Und sie treten einzeln oder als Gruppe mit bass erstaunten Gesichtern vor den Pianisten Daniel Delgado und entlocken ihm ein Lächeln. Einmal steht einer der Tänzer sogar direkt hinter ihm und scheint ihn umarmen zu wollen. Ein anderes Mal wiederum schmiegt sich einer aus der zwölfköpfigen Compagnie für einen kurzen, innigen Moment ans Klavier.

Keine Frage, im Mittelpunkt des Tanzstücks „Résonances Chopin“, das in der Blauen Halle Premiere hatte, der Fabrikflair verströmenden Interimsspielstätte des Mainfranken Theaters, steht das Piano. Für die Würzburger Ballettdirektorin, Dominique Dumais, bedeutet es weit mehr als musikalische Untermalung ihrer Choreografie, die 2008 in Mannheim uraufgeführt wurde und die sie nun zum Auftakt der Ballettsaison von Tyrel Larson neu einstudieren ließ. Man war zwar damals nicht dabei, doch so viel lässt sich mit Bestimmtheit sagen: Angestaubt ist hier nichts. Stattdessen erlebt das Publikum einen Ballettabend, der trotz des intensiven Auslotens der gesamten romantischen Gefühlsskala von ausgelassener Heiterkeit über schwelgerische Verträumtheit bis zu tiefer Schwermut ganz luftig und leicht ist.

Tänzer als Resonanzböden

Lange bevor „Resonanz“ durch den Soziologen Hartmut Rosa zu einem Modewort geworden ist, hat sich Dumais aus der Warte des Tanzes seiner angenommen. Hat das gemeinsame Schwingen von Chopins zur Virtuosität gebrachten kleinen Formen und bewegter Leiber zum Thema gemacht. Wie reagieren Tänzer*innen als eine Art körperlicher Resonanzböden auf die Impromptus, Etüden, Nocturnes, Walzer und Prelüden des Komponisten? Um das zu erfahren, darf das Piano nicht einfach als Begleitinstrument am Rand stehen. Stattdessen muss es integraler Bestandteil der Inszenierung sein.

Dumaisʼ langjährige künstlerische Weggefährtin, die Bühnen- und Kostümbildnerin Tatyana van Walsum, platziert es in einer Vertiefung auf der Bühne. Aber nicht so tief, dass der Pianist Daniel Delgado (abwechslungsweise in weiteren Aufführungen die Pianistin Nina Scheidmantel) nicht mehr zu erkennen ist. Im Gegenteil hebt ihn der besondere Platz geradezu heraus. Desto genauer hört man hin, wenn er – weich im Anschlag, kraftvoll im Ausdruck – Chopins mal lyrisch-singende, mal dramatisch kühne Stücke vorträgt, auf die dann die Tänzer*innen antworten. Der Klaviergraben unterteilt die Bühne in Vorder- und Hintergrund und ermöglicht es der Compagnie, sich auch vor Sehnsucht verzehrend über die räumliche Trennung hinweg anzuschmachten. In weiter Ferne, so nah!

Öffnung hin zur Natur

Chopins Werke atmen die intime Atmosphäre der Warschauer und Pariser Salons. Tatyana van Walsums Bühnenbild deutet das an. Zu sehen ist ein puristisch kahler Raum mit je drei hohen Durchgängen an jeder Seite. Unterstützt durch das Lichtdesign von Bonnie Beecher kann man sich wallende Vorhänge, schattenwerfende Kerzen und eine elegante Salongesellschaft hinzu imaginieren. Van Walsum hat für die zwölf Tänzer*innen leichte Seidenkostüme in Pastelltönen entworfen. Fließende Stoffe, die jede Bewegung unterstreichen und sehr sommerlich wirken. In der Tat: Plötzlich verstummt das Klavier und wird abgelöst von einem Gewitterschauer aus dem Off. Danach geben die Durchgänge an der Rückwand den Blick frei auf einen lichtdurchfluteten Waldweg. Der Salon öffnet sich zur Natur hin und könnte nun auch einen Landsitz vorstellen. Nach der Pause werden dann die vielen Soli und Duette nicht selten von einer ausgelassenen Truppe begleitet, die immer freizügiger und lauter lachend über die Bühne zieht, als käme sie gerade vom See. 

Die Bewegungssprache von Dominique Dumais lässt immer wieder das Vokabular des klassischen Balletts aufblitzen. Arabesque hier, Pirouette dort, um diese dann beispielsweise in weit ausholende Bewegungen übergehen und Zeitgenössisches einfließen zu lassen. Man kann förmlich spüren, wie sich alle Tänzer*innen auf ihre ganz eigene, eindrückliche Weise auf Chopins romantische Stimmungsbilder einlassen. Mal zart und sanft, mal keck und verspielt, mal furios und rasend. 

 

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