„Voir un ami pleurer“ aus CHANSONS von Dominique Dumais. Tanz: Marcel Casablanca und Yester Mulens García

„Voir un ami pleurer“ aus CHANSONS von Dominique Dumais. Tanz: Marcel Casablanca und Yester Mulens García

Bitte mehr davon!

Mit „Hautnah“ feiert das Tanzensemble des Mainfranken Theaters in Würzburg die Eröffnung der neuen Probebühne und den Wiedereinzug ins Zentrum der Stadt.

Das Tanzensemble hat die Aufgabe, der neuen Probebühne im Untergeschoss des Neubaus die Feuertaufe zu verpassen. Sehr gelungen!

Würzburg, 06/12/2023

Heller Beton, von innen hohe, warm erleuchtete Glasfronten und ein Foyer, das mit seinem diskrete Wuchtigkeit ausstrahlenden Ticket-Tresen auch als Hotellobby dienen könnte. Rechts und links strahlen meterhohe Screens in die Dunkelheit, wie man sie auch an den Außenfassaden des Lincoln Center in New York erblicken könnte. Auf ihnen Debora Di Biagi und Mirko Ingrao als LED-Bild. In nachtblauen Trikots und neoklassisch nonchalant ineinander verdreht, platzieren sie den Tanz wie selbstverständlich als Blitzlicht fürs Auge im öffentlichen Raum von Würzburg.  Im Rücken blinken währenddessen die Lichter des Weihnachtsmarkts. Es ist klirrend kalt.

Seit fünf Jahren ist die Kanadierin Dominique Dumais Leiterin und Chefchoreografin des Tanzensembles am Mainfranken Theater. Mit „Hautnah“, dem neuen, so betitelten Tanzabend, ziehen sie und ihr Ensemble zurück ins Haupthaus. An diesem Abend wird es nach mehrjähriger Sanierung teilweise wiedereröffnet. Das Tanzensemble hat die Aufgabe, der neuen Probebühne im Untergeschoss des vorderen Neubaus die Feuertaufe zu verpassen. Gut hundert Plätze hält sie bereit. Zwei Stunden später klatscht und trampelt sich das Publikum die Freude aus dem Leib – zu Recht. „Hautnah“ ist Genuss pur. Neun Duette stehen auf dem Programm. In der Abfolge zelebrieren sie eine bemerkenswerte Reise durch Zeiten, Stile und Themen des Tanzes. Die choreografische  und tänzerische Frische, mit der jedes Stück performt wird, ist Seelennahrung. Für elektrisierende Momente sorgt gleich zu Beginn „We will“ von Kevin O´Day. Der Amerikaner schuf das Duett 2009, und es verdeutlicht, wie großartig er über die Bewegung zu erzählen vermag beziehungsweise wie brillant er eine präzise, neoklassisch geprägte Bewegungssprache, die man von ihrer Herkunft her irgendwo ab Mitte der 1990er Jahre bis Mitte der Zweitausendzehner verorten würde, narrativ zu nutzen weiß. Und so sind Mirko Ingrao und Deborah Di Biagi nicht einfach lässig und cool aussehende und ziemlich gut tanzende Menschen, sondern sie stellen zwei Individuen dar, die um ihre Beziehung kämpfen – in Stille. Ihr Tanz ist so intensiv, dass es kaum Musik bedarf. Stattdessen greifen beider Arme und Hände ins Leere, obwohl sie sich fassen möchten. Er zwingt sie auf den Boden, obwohl er sie auf Augenhöhe haben möchte. Sie geht, obwohl sie beide bleiben wollten. Als dann doch die Arie „Lascia Ch´io Pianga“ aus Händels „Rinaldo“ erklingt, ist man bereits dermaßen fein ziseliert in die Beziehungswelt der beiden Figuren involviert, dass man sich nicht emotional hinwegtreiben lässt, was jedoch das künstlerische Niveau dieses Stücks nur noch steigert.

Bemerkenswert danach Dominique Dumais´ Duett „La chanson des vieux amants“, kreiert zwei Jahre später. Deutlich wird der Unterschied ihrer Kunst zu jener O´Days: Dumais verlagert die Aussage ihrer Choreografie nicht nur in den gleichnamigen Song von Jacques Brel, beziehungsweise benutzt diesen als Referenzebene für ihre Choreografie, sondern beschäftigt sich auch eher mit einem atmosphärischen Zustand, was ihr die Freiheit verleiht, die Bewegungen auch einfach mal fließen zu lassen, ohne gleich eine Aussage transportieren zu müssen. Dieser Umgang mit Tanz lässt ihre Kreation, wie auch alle weiteren von ihr übrigens an diesem Abend, ein wenig abstrakter erscheinen. Diesen Eindruck verstärkt auch ihr zweites Duett „Voire un ami pleurer“, fabelhaft getanzt von Yester Mulens Garcia und Marcel Casablanca. Beide Duette erzählen so von Menschen, die schon lange beieinander sind, auch wenn sie miteinander ihre Kämpfe hatten. Berührend bringen gerade die beiden Männer ihre tiefe, halt gebende Freundschaft zum Ausdruck. Kaum besser in die heutige Zeit passte das „Duet with a Gun“ des amerikanisch-israelischen Choreografen Edan Gorlicki. Gorlicki ist Anhänger des Konzepttanzes, und so ließ er zunächst über eine Frauenstimme eine Handlungsanweisung zur Herstellung einer Pistole sprechen und diese Mirko Ingrao und Matisse Maitland mit präzisen Bewegungen umsetzen. Die Lacher, die einzelne Momente dabei hervorlockten, weil der menschliche Geist das Gehörte mit dem Gesehenen abgleicht, blieben wenig später im Hals stecken: Ingrao zog die Waffe aus dem Hosenbund und richtete sie direkt auf den Hinterkopf Maitlands, auf ihrem Rücken balancierend. Ihr Duo wurde zum Machtspiel. Gorlickis Stück war es in diesen wenigen Minuten gelungen, sowohl Marina Abramović und Ulays Performance „Rest Energy“ aus dem Jahr 1980 zu zitieren, nur eben mit Pistole, als auch dem Zustand unserer Gegenwart sowie, schlimm genug, der aktuellen Lage zwischen Israel und den Palästinensern einen Spiegel zu geben. Leichtfüßig im doppelten Sinne dann „A Study in Rhythm“ von Tyrel Larson von 2019. Alba Valenciano López und Matisse Maitland zelebrierten in Sneakers das, was der Titel sagen wollte: Rhythmen. Hier fesselte die Virtuosität innerhalb des Spiels mit den Schritten. Großartig danach das von Yester Mulens Garcia und Deborah Di Biagi durchlebte, leidenschaftliche Duett „El Desertio“ von Dumais sowie „Still“ von Robert Glumbeck, ebenfalls aus dem Jahr 2006. Wie „Halleluja“ von Leonard Cohen von Dumais, das den Abend beschloss, offenbarten jene Stücke in ihren Bildern deutlich die größere Angst der Männer, den Frauen nicht gewachsen zu sein oder sie nicht verlieren zu wollen. Dazwischen erlebte der Abend nochmals einen bemerkenswerten Höhepunkt. „Ask my shadow“ von Mirko Ingrao bildete die einzige Uraufführung. Mit ihr betrat man endlich jenes andere Reich, das mit der Existenz des Menschen aufs Tiefste zusammenhängt: Die Welt des Traums, des Jenseits oder vielleicht gar der wahren Realität. „Ask my shadows“ erzählt in wenigen geflüsterten Worten vom Auseinanderfallen der Zeitlinien, vom transzendenten Raum, von der Ewigkeit, symbolisiert durch jeweils zwei riesig lange schmale Federn, mit denen Matisse Maitland und Hanna Becker ihre Arme spielerisch verlängern. 

Wer Ingrao kennt, weiß, dass er ein Cineast ist. Neben zahlreichen Kurzfilmen in der Tanzszene hatte er 2022 seinen ersten abendfüllenden Tanzfilm mit dem Titel „Eremites“ (https://www.youtube.com/watch?v=P_ysY3hTNXY) veröffentlicht. Man entdeckt sein cineastisches Verständnis von Tanz in seinem dadurch sehr originären Werk, gepaart mit dezenten Momenten, in denen er Goeckes Stil wahrlich studiert hatte: Zum Schluss fängt Hanna Becker an, immer höher und weiter, unaufhaltsam, zu hüpfen, ganz im Hier und Jetzt, während Maitland im Schatten versinkt und so eine neue Vergangenheit verkörpert, im Jetzt der Gegenwart. Bitte mehr davon!

 

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