„Piracema“ von Cassi Abranches und Rodrigo Pederneiras 

Klassik und Karneval

Gastspiel der brasilianischen Grupo Corpo in Ludwigshafen

Zum runden Geburtstag gibts ein Bühnenbild aus Sardinenbüchsen. Und ein Experiment mit klassischer Ballett-Technik.

Ludwigshafen, 15/03/2026

Die Grupo Corpo ist ein bewährter brasilianischer Kulturexport-Artikel. Seit der privaten Gründung vor 50 (!) Jahren hat es die südamerikanische Vorzeigetruppe für zeitgenössisches Ballett geschafft, Kontinuität und künstlerische Weiterentwicklung zu leisen. Das ist vor allem der synergetischen Zusammenarbeit unter Brüdern zu danken: Rodrigo Pederneiras federführend für Choreografie, Paulo zuständig für Bühne und Licht. 

Für das Programm zur aktuellen Gastspiel-Tour hat sich Rodrigo Pederneiras natürlich eine große Portion Jubiläumsfeier geleistet – und dazu den persönlichen Spaß des experimentellen Arbeitens. Das betrifft in erster Linie die Musik und dazu ein choreografisches Experiment: Für das zweite Stück „Piracema“ arbeiteten er und die eingeladene Gastchoreografin Cassi Abranches – Ex-Tänzerin in der Company mit internationalem Choreografie-Renommee – zunächst völlig unabhängig voneinander. Erst später fügten sie die Ergebnisse ihrer Arbeit zusammen, zu einer Auftragskomposition von Clarice Assad. Kein Wunder, dass diese Arbeit einen überzeugenden Bogen spannen konnte über alles, wofür die Company steht: klassische Ballett-Technik und Folklore, beides auf höchstem Niveau und mit in individueller Handschrift. 

„Piracema“ meint so viel wie „Flußaufwärts zu den Quellen“, ein fruchtbares Schwimmen gegen den Strom. Von Dschungel-Stimmung bis urban, von intimen Bewegungen über berührende Zweisamkeit bis zur groß angelegten Energie-Welle feiern 22 Tänzer*innen dabei die Übersetzung kultureller Tradition in zeitgenössischen Tanz. Kleines Detail: Das Bühnenbild von Paul Pederneiras besteht aus einer riesigen Wand aus 82 000 runden Deckeln von Sardinenbüchsen. Es ist ein würdiges, zu Recht vom Publikum gefeiertes Jubiläumsstück, und es hat nur einen Haken: Es folgt auf ein Eingangsstück, das in die gleiche Richtung zeigt.

Grafische Symbole statt Notation

Die Inspiration für die Produktion „21“ lieferten frühe musikalische Experimente des einheimischen modernen Komponisten Antonio Guimarães. Für die mit außergewöhnlichen Instrumenten spielende Gruppe UAKTI machte er rhythmische Vorgaben in Form abstrakter numerischer Vorgaben oder grafischer Symbole – statt der üblichen Notation. Diese ungewöhnlichen Notenblätter übersetzte Rodrigo Pederneiras in ein Stück, das mit opulenten Bildern und raffinierter Rhythmik einmal mehr zeigt, dass Grupo Corpo Klassik und Karneval gleichermaßen auf hohem Niveau kann, in mitreißender physischer Präsenz und raffinierter Farbigkeit. 

Bei ihrer Gastspiel-Tour 2023 hatte die Truppe auch das ganz anders geartete Stück „Breu“ (Pech, Teer) im Gepäck, mit wuchtigen, bedrohlichen Bildern in einer rauen Bewegungssprache von immenser Intensität. Die dunkle Seite der Gegenwart blieb dieses Mal choreografisch unbeleuchtet – schade. 

 

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