Autowrack mit Wasseropfer
Doppelabend „La Valse“ von Stephan Thoss und „Le Sacre de Printemps“ von Edward Clug am Theater Altenburg-Gera
Eine rauschende Gala als Abschluss eines Festivals, das ist für sich betrachtet, nichts Neues, doch beim Internationalen Ballett Festival Gera ging es um mehr. „100 Jahre tänzerischer Aufbruch in Gera“ – unter diesem Motto hatte Festivalleiter Norbert Skowronek zusammen mit dem Thüringischen Staatsballett ein starkes Programm zusammengestellt mit Gastspielen des Aalto Ballett, Sasha Waltz & Guests und dem Bundesjugendballett John Neumeier.
Eine Ausstellung für Yvonne Georgi
Doch nicht nur das. In der Orangerie, dem Stammmuseum von Otto Dix, schlägt eine kleine Ausstellung den Bogen zum Anfang des tänzerischen Aufbruchs in Gera, zu sehen noch bis zum 21. Mai 2026. Hier hatte nämlich Yvonne Georgi, eigentlich Solistin am Theater Münster, 1925/26 für eine Spielzeit als Leitung der Tanzsparte angeheuert und die Moderne nach Gera gebracht. Georgi war damals 21 Jahre alt, gebürtige Leipzigerin und hatte erst in Hellerau bei Èmile Jaques-Dalcroze rhythmische Gymnastik studiert, war dann aber bald zu Mary Wigman gewechselt, um sich mehr dem Tänzerischen denn dem Rhythmischen zu verschreiben. So ausgerüstet engagierte sie Intendant Bruno Iltz und Erbprinz Heinrich XlV. Reuß ans Reußische Theater, das trotz des Monarchensturzes von 1918 immer noch in adeliger Hand war. Die Ausstellung zeichnet in knappen Strichen und mit zahlreichen Dokumenten dieses eine Jahr, in der Yvonne Georgi das Geraer Tanzensemble auf umjubelte Tourneen schickte.
Für Georgie war es „ihr schönstes Jahr“: „Ich konnte machen, was ich wollte.“ Konkret waren dies Anverwandlungen von „Brasilianischen Volkstänzen“ oder das russisch inspirierte Stück „Barabau“ – ein Abend, der zur Premiere in Gera von „Aufhören!“-Rufen begleitet wurde, was die Ausstellung aber übergeht. Der Berliner Börsen-Courier schrieb zu einem Gastspiel: „Das war eine Kulturhöhe in Musik und Tanz, wie man sie selten wagt.“ Die Leipziger Neueste Nachrichten diagnostizierten, dass „unter Yvonne Georgis Führerschaft tänzerisches Neuland mit entschieden größerem Nachdruck betreten wurde, als das an weit größeren Bühnen bis dato der Fall ist.“ Warum die junge Frau nach nur einem Jahr gen Hannover entschwand – sie wurde gekündigt – , ergründet die Ausstellung nicht, beschreibt allerdings ihre internationalen Erfolge allen voran in den USA, wo sie mit ihrem Tanzpartner Harald Kreuzberg als „the world greatest dancers“ angepriesen wurden. Später kehrte sie über Stationen in Amsterdam und Düsseldorf nach Hannover zurück, wo sie 1975 starb.
Bravo statt Aufhören
Das heutige Publikum jagt niemanden mehr vom Hof. Die ausverkaufte Gala, in der neben dem Thüringer Staatballett auch Tänzer*innen des Staatsballetts Berlin, des Semperoper Balletts, des Lithauischen Nationaltheaters, des Nationaltheaters Odessa und der Pariser Oper mitwirkten, war eher gespickt mit Bravos denn mit Flüchen. Durch das Programm führte die Tänzerin Aiste Stankeviciute zusammen mit dem Intendanten Kay Kuntze. Dieser nutzte die Gelegenheit, die Thüringer in Sachen Weltoffenheit positiv zu beeinflussen, als er feststellte, dass die Qualität vor Ort eben nur deshalb möglich sei, weil hier eine Company arbeite, dessen 36 Mitglieder aus 17 Ländern kommen. Das gab Applaus.
Die Thüringer eröffneten den Abend humoristisch mit der Zweiten Runde aus „Jeu de Carts“ von John Cranko, das kein anderer als Reid Anderson im Februar hier zur Premiere gebracht hatte. Es ist die erste Cranko-Choreografie überhaupt, die in Gera einstudiert wurde, und die sechs Tänzer gaben sich sichtlich lustvoll dem komischen Kartenspaß hin. Ansonsten dominierte den Abend vor allem das kleine Format: einige kurze Soli, aber vor allem gut gesetzte Pas de Deux in ganz unterschiedlichen Temperaturen. Da gab es einen kraftvoll energischen Part von Marija Kastorina und Giordano Bozza aus „Le Corsair“ (Thüringer Staatsballett/Litauisches Nationaltheater) zu sehen oder auch eine eher traumwandlerisch fließende Paarung von Bianca Teixeira und Yun Xia aus dem Adagio von „Dornröschen“ (Semperoper) zu sehen.
Ganz wunderbar berührend war Melissa Escalona Gutierrez aus Gera mit „Cygne“, die hinter einem Gaze-Vorhang mit Projektionen eine ganz moderne Choreografie von Daniel Proietto zum Besten gab (zugleich ein Ausblick in die nächste Spielzeit) und dabei den tiefen melancholischen Ausdruck mit Energie kombinierte. Dass dann noch ein 12-jähriger Junge aus dem Nachwuchsprogramm in dieser Nummer singend sein Debüt geben konnte, war geradezu bezaubernd. Gar freudige Erwartung rief das eigene Solo von Daniel Proietto hervor, der in einem Glitzeranzug und einem gekonnten Spiel mit dem Licht ein surreales Wesen auf die Bühne pflanzte, das Effekt und Können meisterhaft verband. Da kommt was Spannendes auf Gera zu.
Den Gold-Standard lieferten Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru vom Berliner Staatsballett, mit dem Adagio aus „Schwanensee“ und einem Pas de deux aus „La Halte de la Cavalerie“. Mit geradezu einem Übermaß an Präzision legt Salenko diesen Schwan an und liefert hier technisch die absolute Meisterschaft ab.
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