Zu viel gewollt?
Der Spielfilm „Cranko“ von Joachim A. Lang
„Viele Leute können Schritte machen. Nicht jeder kann tanzen.“ Zur Premierenfeier im Theater Gera war nicht nur Reid Andersons Begeisterung groß. Das auffällig junge Ensemble hatte unter seiner Einstudierung John Crankos „Jeu de Cartes“ mit Bravour gemeistert. Und auch, wenn das Stück zu den kürzeren und weniger bekannten von Cranko gehört, lohnt sich der lockere Spaß in jedem Fall. Denn was hier leichtfüßig über die Bühne geht, ist gespickt mit jeder Menge komplizierter und körperlich herausfordernder Ideen. In einer Szene etwa werfen „die Herz-Karten“ den Joker (ausgelassen: Christan Emanuel Amuchastegui) mal eben quer von der Bühne in die Seitengasse, weil sie ihn schlichtweg nicht gebrauchen können.
Dieser augenscheinlich kleine alberne Spaß, der „Jeu de Cartes“ ausmacht, verlangt den Tänzern technisch wirklich was ab. Und Anderson, Urgestein des „Stuttgarter Ballettwunders“ und Verwalter des Cranko-Erbes, war nach der Premiere zu Recht stolz auf die Truppe. Seit seiner Uraufführung haben zwar sowohl der Humor als auch die Kostüme ein kleines bisschen Staub angesetzt, aber Qualität bleibt Qualität: choreografisch funktioniert „Jeu de Cartes“ noch immer. In drei Runden werden in diesem Spiel die Karten und damit die Tänzer*innen immer neu gemischt, wobei der Joker jedes Mal eine andere Rolle spielt. Und im zweiten Satz eben gar keine. Daher sein Rausschmiss. Was der, wiederum, so nicht auf sich sitzen lässt. Das alles als „einfachen Spaß“ überzeugend hinzukriegen, ist auf der leeren Bühne eine echte Herausforderung. Die Tänzer*innen „hingen“ zur Premiere stellenweise zwar sichtbar am Takt, aber das verändert sich mit Sicherheit im Lauf der weiteren Vorstellungen.
Die Ebenen verschwimmen
Vor diesem Stück mit hohem technischen Anspruch kam „Pulcinella“ in der Choreografie des Armeniers Arshak Ghalumyan. Der verpasst der Handlung aus der Commedia dell‘arte eine Klammer mit einer zusätzlichen Handlungsebene: Er geht zurück in die Ballettgeschichte Geras und lässt Yvonne Georgi (Jéssyca Helena Rett) wiederbeleben. Diese hatte unter Kurt Jooss in Münster getanzt, bevor sie 1925 in Gera die Leitung des Reußischen Theaters übernahm. Dort choreografierte sie ein Jahr später Strawinskys „Pulcinella“. Dessen Musik bildet musikalisch den gemeinsamen Überbau beider Stücke.
Ghalumyan lässt sein „Pulcinella“ in der ursprünglichen Handlung mit ganz klassischen Commedia dell’arte-Kostümen (Julia Dietrich) beginnen. Die neckischen Tändeleien zwischen Liebe und Eifersucht sind entsprechend harmlos und mit kleinen Späßen gespickt. Genau in jenem Moment aber, in dem Pulcinella verprügelt werden soll, bricht die Handlung ab. Das Stück verzichtet komplett auf den Gewaltakt, das Bühnenbild dreht sich auf seine Rückseite, und mit einem Kostümwechsel findet sich das Ensemble im Probensaal wieder. Dort wird natürlich „Pulcinella“ geprobt. Auffällig ist, dass Ghalumyan hier im Hauptteil seiner Choreografie auch seinen Stil ändert und auf Spitze choreografiert.
Akustisch sind die Ebenen voneinander getrennt. In einer eigenen Komposition vermischen sich Trompete (live: Sami Lab) mit elektronischen Klängen (live am DJ-Pult: Damian Ibn Salem). Die Erzählebenen verschwimmen irgendwann. Vogelgezwitscher wird plötzlich rhythmisch; Sami Lab spielt James P. Johnsons berühmte „Charleston“-Melodie, auf die sich digitale Beats legen. Und das dann auf Spitze getanzt. Ein grotesker Traum!
Das Bühnenbild zerfällt in seine Einzelteile, und es ist unklar, wie die Charaktere der getanzten Pulcinella-Handlung zu lesen sind. Sind es die Figuren oder sind es die Tänzerinnen und Tänzer, die über die Handlung nachdenken? Pimpinella scheint nämlich nach der „Wiederbelebung“ Pulcinellas (er stellt sich nach der Prügelattacke nur tot) eher verwirrt als glücklich.
Mit dieser doppelten Handlung „spiegelt“ die Inszenierung das Konzept von Kampf: So, wie in der eigentlichen „Pulcinella“ mit dem Motiv der Eifersucht die Figuren umeinander kämpfen, setzt sich der Kampf um Anerkennung im Probensaal fort. Wer springt am höchsten? Wer überzeugt am stärksten? Wer wird schlussendlich in welcher Rolle besetzt? Der Fokus liegt also auf der charakterlichen Darstellung. Der Kontrast zur ausgefeilten Technik Crankos zeigt zwei Seiten des Ensembles. Und beide überzeugen.
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