„Tanzkraftwerk“ von und mit Irina Pauls und Gästen

Im Osten was Neues

Festival Osten 2026 eröffnet mit Tanz für alle

Zum dritten Mal findet im Raum Bitterfeld das Festival Osten statt, diesmal in einem ehemaligen Braunkohlekraftwerk. Irina Pauls will auf der Asche von damals zum Start gleich eine neue Volkstanztradition begründen.

Zschornewitz, 14/09/2026

Endlich, als der Shuttlebus aus Bitterfeld angekommen und die letzten Eröffnungsreden an diesem Samstag Mittag verklungen sind, öffnet sich das Tor am Ende der Kraftwerksstraße. Endlich kann die dritte Ausgabe des Festival Osten im ehemaligen Kraftwerk Zschornewitz beginnen. An dem alten Eingangstor zum 1918 eröffneten und bald weltgrößtem Braunkohlekraftwerk der Welt, können die Besucher*innen sich Werksausweise abholen, die aus Fotos aus den Archiven des ehemaligen Betriebs gestaltetet sind. Von den 12 Maschinenhäusern steht noch eines, die großen Meiler sind abgerissen, ebenso das Bahnhofssystem zur Kohleanlieferung. Wo von 1919 bis 1992 die Turbinen und Generatoren von AEG brummten, wandeln heute Solarpanels Sonne in Strom um. Bevor aber alle auf das weitläufige Gelände strömen, wird zum Auftakt vor der Wiese mit den 200 Schafen erst einmal getanzt. Die Choreografin Irina Pauls lädt im knalligen orangenen Overall zum „Tanzkraftwerk“ und alle dürfen mitmachen.

Schon seit einigen Jahren lädt die Leipzigerin an den Seen des Leipziger Südraums zu gemeinschaftlichem Tanz, jüngst hat sie daraus auch eine richtige Theaterperformance erarbeitet. Ihr Grundgedanke ist das Schaffen einer neuen Tradition auf Basis der traditionellen Maibaumfeste, deren Tänze allerdings durch Umsiedlungen wegen neuer Tagebaue und die daraus folgende Entwurzelung verloren gegangen sind und bei heutigen Maibaumfesten nicht mehr gepflegt werden. Dem will sie eine neue Tradition entgegen setzen und hat zusammen mit Victoria McConnell überlegt, wie man solche verlorenen Traditionen im 21. Jahrhundert wieder neu aufsetzen kann. Biografisch, so erzählt sie selbst, während sie die Runden anleitet, hat sie den Braunkohletagebau und seine ökologischen Folgen hautnah miterlebt, als sie in den 1980er Jahren tagtäglich mit ihrem Trabant durch das Braunkohlekombinat Espenhain fuhr, um in Altenburg am Theater zu arbeiten.

Ein neue Tradition wird geboren

Das Ergebnis ist eine vierstufige Heranführung an einen Kreistanz. In einfachen Schrittfolgen und Bewegungsmustern entwickelt sie zusammen mit den Mittanzenden einen Tanz mit Kreisen. Musikalische Basis der dreiköpfigen Band um Musiker Eric Busch ist der Vier-Viertel-Takt des Rheinländers. Später kommen noch kurze Bänder hinzu, denn Pauls ist aufgefallen, dass die traditionellen Maibaumbänder, mit denen die Tanzenden sich um den Baum ein- und auswickeln konnten, mittlerweile alle gekürzt sind: „Da haben wir uns gefragt, was man mit diesen kurzen Bändern anstellen kann.“ So einiges, wie das Ergebnis zeigt, wenn am Ende alle durch einen Tunnel dieser Bänder tanzen, der von den Mittanzenden gebaut wird.

Die Stimmung ist ausgelassen, vom Berliner Hipster bis zur Bitterfelder Rentnerin ist alles dabei und alle folgen unterschiedlich talentiert, aber mit viel Freude dem sich entwickelnden Bewegungsfundus. Ganz weit weg von artifiziellem Bühnentanz entsteht hier ein wirkliches Miteinander, das ganz klar zeigt, welch verbindende Wirkung in den traditionellen Formaten liegt, wenn sie tatsächlich popularisiert werden und nicht nur als Schauobjekt der Folklorepflege dargeboten werden.

Damit ist die Eröffnung des Festival Ostens nur folgerichtig, denn das Festival versteht sich vor allem als Begegnungsraum. So kümmert sich in einer großen Halle ein Projekt um die „Wollbeschäftigung“, bei der alle anpacken können, einige Tonnen Schafswolle zu färben und weiterzuverarbeiten. Ein Verein von Rentner*innen aus dem Kraftwerk bietet Führungen an, und in einem nachgebauten Meiler finden Diskussionsformate zu Demokratie und Energie statt. Bekanntere Namen beim Festival sind etwa She She Pop oder Rimini Protokoll, die als Installation auch schon ihre zu Soundmaschinen umgebauten Sportgeräte dem Publikum präsentieren. Irina Pauls' Gemeinschaftstanzangebot ist nicht das einzige Tanzprojekt der beiden Wochenenden, die das Festival andauert, das nicht nur am Kraftwerk, sondern auch im ehemaligen Jugendclub 86 in Wolfen-Nord stattfindet. Nächsten Samstag lädt Mandy Unger zur „Werk-Disko“, die beworben wird als Tanz-Spaziergang auf den Spuren der Transformation des Körpers, des Ortes und der Arbeit.

 

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