Täglich grüßt der Weihnachtsmann
„Nutcracker. Now“ von Curtis & Co. – dance affairs und EveryBody in der Nürnberger Tafelhalle
EveryBody - Das inklusive Festival für Tanz und Performance in Nürnberg
Bunte Tücher, ein paar Schaumstoffmatten, eine Rutsche: Wenige Requisiten genügen der Company Unusual Symptoms, um ein Hoch auf den menschlichen Körper und seine Bewegungsmöglichkeiten zu singen. „The Tide“ heißt das Stück, mit dem die elfköpfige, farbenfroh gekleidete Tanzcompany des Theaters Bremen vor anderthalb Wochen „EveryBody“, das inklusive Nürnberger Festival für Tanz und Performance, eröffnet hat: Mit einer Flut an Ideen, herrlich spielerisch, humorvoll und frech. Die von der Decke herabhängenden Tücher dienen wahlweise als Schaukel, als Hängematte, als Versteck. Im Verlauf der abendfüllenden Aufführung stopfen sich die Tänzer*innen die Matten, die bis dahin Sturzschutz waren, unter die Kleidung und wackeln entengleich über die Bühne, hüpfen ins Publikum und irritierten es ziemlich, indem sie über die Lehnen kugeln oder mit breitem Grinsen provokativ fragen: „Na, Schnecke, wie geht’s?“ Ein Running Gag, bei dem irgendwann die Zuschauer begannen, sich im übertragenen Sinn vor Lachen zu kugeln.
„The Tide“ war der gelungene Auftakt eines zweiwöchigen Festivals, das zum dritten Mal seit 2021 als Kooperation des von der Tänzerin, Performerin und Choreografin Susanna Curtis ins Leben gerufenen Vereins „EveryBody“ und der Tafelhalle Nürnberg stattfand, und das dieser Tage mit Schulaufführungen im Künstlerhaus zu Ende geht.
Ziel der im Wechsel mit dem Figurentheater stattfindenden inklusiven Festwochen ist nicht nur die Sichtbarmachung von Menschen mit ganz verschiedenen Körpern, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, sondern auch deren Selbstverständlichkeit. Weshalb die Leiterin der Tafelhalle, Friederike Engel, in ihrer Eröffnungsrede mit Nachdruck darauf hinwies, dass man „EveryBody“ nur so lange ausrichten werde, bis Teilhabe erreicht ist, und es heißt: „Wir brauchen dieses Festival nicht mehr, da das künstlerische Zusammenspiel von Menschen mit und ohne Behinderung komplett in der Normalität unseres Veranstaltungsalltags angekommen ist.“
Hilfsmittel für ein anderes Bewegungsrepertoire
Das war bei vielen der gezeigten nationalen und dank einer Förderung der Kulturstiftung des Bundes diesmal auch internationalen Arbeiten aus Südkorea, Schottland und Israel bereits der Fall. Das südafrikanische Unmute Dance Theatre beispielsweise wird geleitet von Nadine McKenzie, die nach einem Autounfall seit bald dreißig Jahren im Rollstuhl sitzt. In dem Stück „Timelapse“, das an einem der insgesamt vier internationalen Doppelabende zu sehen war, ist die Choreografin ganz selbstverständlicher Teil der genau austarierten Inszenierung. Ihr Rollstuhl steht hier nicht im Zentrum, sondern ist lediglich ein Hilfsmittel, das McKenzie ein anderes Bewegungsrepertoire finden und erfinden lässt als ihre drei Mittänzer*innen. Gemeinsam durchmisst man den weitläufigen Bühnenraum der Tafelhalle, bildet mit horizontalen, vertikalen oder schrägen Linien eine einzige große Welle. Zusätzlich gibt es jede Menge anspruchsvolle Hebefiguren, bei denen die Südafrikanerin samt ihrem Rollstuhl gehoben oder durch die Luft gewirbelt wird.
Richard Siegal, der neue Ballettdirektor am Staatstheater Nürnberg, verwies in den vielen öffentlichen Gesprächsrunden, die er seit Amtsantritt veranstaltet hat, immer wieder darauf, dass er den Spitzenschuh als „analoge Technologie“ begreift, die die Motorik seiner Trägerinnen gleichermaßen einschränkt wie erweitert. Genauso sind auch die Gehhilfen zu verstehen, die der eingeschränkte israelische Tänzer Shmuel Dvir Cohen in dem Tanzstück „Go Figure“ der vielfach preisgekrönten Sharon Fridman Company einsetzt, um mit seinem Gegenüber Tomer Navot ein Duett aufzuführen, in dem es viel um das Gleichgewicht der Kräfte geht. Die Gehhilfen dienen hier zum Ziehen, Stoßen oder als Stützen, um sich in die Luft zu schwingen, ehe die beiden Performer immer mehr zu einer beeindruckenden Körperskulptur verschmelzen.
Live-Stream aus Jerusalem
Sharon Fridmans Choreografie packt die Zuschauer unmittelbar, wozu Licht, Nebel und eine sphärische Musik ein Übriges beitragen. Ein Erlebnis, das sicher noch intensiver ausgefallen wäre, hätten die Israelis wie geplant live auftreten können. Wegen des Nahost-Kriegs war ein persönliches Kommen jedoch zu gefährlich, und so wurde in Jerusalem kurzerhand ein Theater angemietet und das Stück live nach Nürnberg gestreamt mit dem Hinweis, im Falle eines Bombenalarms müsste man unterbrechen. Dazu kam es zwar Gott sei Dank nicht, ein bedrückendes Gefühl aber blieb.
Ebenso wie einen Tag zuvor bei der Performance „Whispering Walls“, die Susanna Curtis mit ihrer Kompagnie Curtis & Co – dance affairs entwickelt hat und die das Publikum ins Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände führt. Zehn Tage verbrachten Eva-Maria Christ, Laura Polster, Jan Chris Pollert und Susanna Curtis vergangenes Jahr als Gäste in den Räumen der unvollendeten Kongresshalle, um den Nazikolossalbau und seine täglichen Besucherströme auf sich wirken zu lassen. Ergebnis ist eine Inszenierung, die der dem Gebäude innewohnenden menschenverachtenden Brutalität Sonnenlicht, Natur und Leben entgegensetzt.
Bespielt wurde das ganze Obergeschoss inklusive der Säulenhalle, die nicht öffentlicher Teil des Museums ist. Man deutete die faschistische Körperästhetik an, protzige Muskeln hier, zackiges Marschieren dort, und begegnete ihr mit Gebärdensprache und der Schönheit einer an den Vogelflug bzw. an fließendes Wasser erinnernden Körpersprache. „Immer weiter, weiter in die weite Welt hinein“, sprach Curtis zu weichen, fließenden Bewegungen ihrer Mitspieler am Ende ins Mikrofon. Ein treffendes Fazit für die gut besuchte Leistungsshow des inklusiven Tanzes.
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