Scholz forever
Uwe Scholz‘ „Mozart/Rachmaninow“ mit dem Leipziger Ballett
Laut dem französischen Anthropologen Marc Augé sind Transitorte wie etwa Flughäfen im Grunde Nicht-Orte, die neben ihrer puren Funktionalität nur Einsamkeit produzieren. In Leipzig machen sich der Choreograf Fran Díaz und seine Bühnenbildnerin Laura Løwe diesen Gedanken zueigen und verlegen die Uraufführung der „Eurydike“ in das Terminal eines Flughafens. Zwei große Anzeigetafeln verkünden die nächsten Flügen, die dann zu einer Art Scheinwerferdach heruntergefahren werden und die Bühne beleuchten. Die Poller mit Bändern, um den Publikumsstrom zu regulieren, stehen herum, es gibt die typischen Sitzbänke und einige Tänzer schweben gar in Gepäckwagen über die Bühne.
Auf einer Bank sitzt Eurydike in der Wartehalle zur Unterwelt und steigt nun in diese hinab, oder besser wird in sie geleitet durch einen ganzen Schwarm von Schatten, die nicht unwesentlich an den zweiten Akt von „Giselle“ denken lassen. Sie attackieren und beschützen die zarte Seele in Schwarz gleichermaßen. In der gesehen Vorstellung wird sie getanzt von Yun Keyeong Lee, zur Premiere durch Marcelino Libao. Sie ist zart angelegt, mit langen schwarzen Haaren, die sie immer wieder wild herumwirbelt, ein verwirrtes Seelchen, dass in dieser von Stampfen und Marschieren geprägten Unterwelt hin- und her gerissen wird und kaum zu Atem oder Verstand kommt.
Abflug in die Unterwelt
Herrscher dieser dunklen soldatisch geprägten Welt ist Hades, den Landon Harris (zur Premiere: Andrea Carino) in starker Maske als eine Mischung aus Mephisto und Joker gibt. Sein Trio mit den beiden Leibwächtern positioniert ihn als starken Mann, der mit einem Schnipsen diese Heerscharen an Geistern zu kommandieren weiß. Das hat durchaus martialisches Elemente, wenn die Tanzenden etwa in Polizeihelmen und Stiefeln (Kostüme: Anna Philippa Müller) antreten. Hier unten herrscht ein starkes Regiment. Zu lachen gibt es wenig. Umso spannender entspinnt sich das Pas de deux zwischen ihm und Eurydike. Eine ebenso zarte wie schelmische Annäherung, ein Beschnuppern auf Augenhöhe fast ohne Berührungen, aber mit viel parallelen Bewegungen, um sie dann in den Geisterchor einzureihen. Doch die Hoffnung (so das Programmheft, nicht Orpheus), getanzt von Giulia della Valle (Yukino Chiba) kommt in Form einer blau gekleideten Figur und beendet den ersten Teil, indem sich hochdramatisch die Bühne halbrund vor dem Orchester verschließt.
Díaz setzt insgesamt auf eine sehr zackige Formsprache, betont Arme und Oberkörper, setzt eher auf Konstellationen im Raum, denn auf die raffinierte Bewegung. Am Anfang hat das Ensemble da seine Schwierigkeiten, nicht nur eine Dreiecksformation verabschiedet sich ins Ungenaue. Zudem tragen die Tänzer*innen durchweg festes Schuhwerk mit Absätzen bis hin zu Stiefeln, sodass Sprünge und Hebefiguren keine Option sind. Insgesamt sind die tänzerischen Lösungen eher kraftvoll als filigran und setzen mehr auf körperliche Kondition denn auf tänzerische Technik. Dafür gibt es andere technische Lösungen wie die genannten gleitenden Gepäckwagen oder im zweiten Teil ein Laufband als szenische Einrichtung.
Musikalisches Rückgrat sind Kompositionen des polnischen Avantgarde-Komponisten Krzysztof Penderecki. So ist der erste Auftritt Eurydikes durch die suchenden Violinen seines „Intermezzo“ geprägt, die der suchenden Orientierungslosigkeit der Nymphe starken Ausdruck geben. Weitere Stücke stammen von Woijciech Kilar und Henryk Mikołaj Górecki.
Ab aufs Laufband und renn!
Der zweite Teil ist dann entsprechend des Mythos der Aufstieg zurück in die Welt der Lebenden. Zunächst aber steht das Uhrwerk des Totenchors zur Besichtigung, die minutenlang um das neue aufgebaute Laufband, wir sind ja im Flughafen, in einem rhythmischen Tanzmarsch herumeilen und dabei in diverse kleinere Figurinen zerfallen. Ein beständiger Strom der Toten, bevor dann Eurydike in dem Blau der Hoffnung gekleidet auf das Laufband tritt und gegen die Fahrtrichtung mit ständigen Tempowechseln anläuft. Alles ist scheinbar am Rennen, ein Marathon als Tanzdarbietung in soldatischer, düsterer Akkuratesse. Doch bald kämpft Euridyke alleine und verzweifelt gegen das Band an, dazu spielt das Gewandhausorchester unter der Leitung von Kappellmeisterin Yura Yang „Quasi una fantasia“ von Górecki. Ein langer Marsch, ein Rennen, ein Straucheln. Das Laufband hebt ab und Yun Keyeong Lee strampelt sich sichtlich ab und zeigt einen Kampf gegen die Erschöpfung. Abrupt dann das Ende und der tiefe Fall der Eurydike, die sich dann doch ohne Hoffnung in die Märsche der Toten auf der auf einmal hell erstrahlten Bühne einreiht. Keine Hoffnung, nirgends.
Fran Díaz will mit diesem Abend das Schicksal der Eurydike aus ihrer Sicht erzählen und baut sich dafür ein stringentes, ja strenges dramaturgisches und musikalisches Konzept, das aber nicht an allen Stellen aufgeht. Die Figur der Hoffnung etwa und damit auch der blaue Kostümwechsel wird durch die Rezeption des Orpheus überlagert. Das Ende bleibt damit offener, das Warum des Scheiterns, denn wenn niemand schaut, warum kommt sie nicht an? Gegen die eigene Entscheidung spricht der abrupte Fall, wahrlich ein Höhepunkt. Doch hier geht irgendwas nicht auf. Auch das Tänzerische muss sich den konzeptionellen Überlegungen unterordnen. Da gelingen zwar schöne Bilder, aber in den Details wirkt es mitunter beliebig. Kein schwacher Abend, aber eher Kraftakt denn wirklich stark.
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