Zwei Generationen im Heu
„Heimatkörper“ von Sascha Paar im HochX München
Nach Stationen in Braunschweig, München und Münster arbeitete Hans Henning Paar zuletzt mehrere Jahre als freischaffender Choreograf und Systemischer Coach. Bis er seinem Freund Ulrich Peters, mit dem er ein Jahrzehnt lang am Theater Münster zusammengearbeitet hatte, nun nach Coburg gefolgt ist – Peters übernahm nach dem kurzfristigen Weggang von Neil Barry Moss für zwei Spielzeiten die Intendanz am oberfränkischen Landestheater. Für seine erste Inszenierung als Ballettdirektor in der intimen Atmosphäre der Reithalle, der kleinen Coburger Spielstätte, wählte der literaturvernarrte Paar nun Peter Handkes Theaterstück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“. Dessen Pointe ist es, einzig und allein aus Regie- und Bewegungsanweisungen zu bestehen.
Das 1992 von Claus Peyman in Wien uraufgeführte Stück ohne gesprochene Dialoge bietet sich für eine Tanztheater-Adaption förmlich an. So genau beschreibt Handke darin Gestik, Mimik und Gangart seiner zahlreichen Figuren, die sich auf einem zentralen Platz begegnen, kreuzen, queren. Erkennen und verkennen. Da ist die Rede von Laufschritt und Hüpfschritt, von Hakenschlagen und Leisetreten, von weit auspendelnden Armen und wiegenden Hüften. Von Balancieren, Tänzeln, Stürzen. Jede einzelne Bewegung ist ein Körperdrama en miniature, ein Thema, das Handke zeitlebens umgetrieben hat. Von seinem frühen Drama „Kaspar“ von 1968 bis zu dem Schauspiel „Spuren der Verirrten“ von 2007, in dem es einmal heißt: „Keiner auch, der unbeschwert dahinzieht: ein allgemeines Stolpern, Fallen, sich Aufraffen.“
In der Reithalle ist das Publikum ganz nah am Bühnengeschehen. Die Coburger Tanzkompanie tut ein Übriges, um es von Anfang an einzubeziehen. Nicht, dass man zum Mitmachen aufgefordert werden würde. Das nicht. Es wäre auch nicht im Sinne des Stücks, das vom komplizierten Menschenverkehr handelt, um es mit dem schönen, vieldeutigen Wort von Kafka zu sagen. Mithin von gemeinsamen Begegnungen, die mal oberflächlich und flüchtig, mal intensiv und lang ausfallen können. Der Mensch als soziales Wesen sehnt sich nach Kontakt, was die zehn Tänzer*innen dadurch ausdrücken, dass sie zunächst suchend in den Zuschauerraum blicken. Manche von ihnen haben es sich dort sogar auf einem Sitzplatz bequem gemacht. Nur um dann doch aufzustehen und einfach wegzugehen, sobald der Platzinhaber eintrifft.
In der darauffolgenden, den Stücktitel umsetzenden Inszenierung wird einem dieses Muster aus Sich-Nahekommen und dann doch Verfehlen, im übertragenen Sinn aus warmherzigen Emotionen und kühlen, distanzierten Momenten, in vielfachen Variationen wieder begegnen. Unterstrichen durch Paars Musikauswahl von tranceartigen Percussions über stampfende Elektro-Beats bis zu minimalistischen Klavierklängen und durch Klaus Bröcks Lichtdesign, das die Bühne zwischenzeitlich in blaue Kälte taucht.
Handkes Figurenarsenal kennt genau definierte Typen, etwa den Rollschuhläufer, den Platzkehrer und den Kellner. Paars Tänzer*innen hingegen tragen Alltagskleidung, eine Weste, eine Marlene-Hose, ein Ringelshirt. In unterschiedlichen Konstellationen treffen sie auf der leeren Bühne aufeinander. Irren allein herum, bilden ein inniges Duett aus fließenden Bewegungen, schließen sich zu zwei Gruppen zusammen – hier die fünf Tänzer, dort die fünf Tänzerinnen – oder ballen sich zu einem neunköpfigen Knäuel, so dass einer übrigbleibt, ausgeschlossen und alleine. Oder ist er im sprichwörtlichen Sinn aus der Reihe getanzt? Wollte nicht in der Masse aufgehen und stattdessen seine Individualität bewahren und mit einem heftig über den Boden rollenden, robbenden Körper einen bleibenden Eindruck hinterlassen?
Es ist unmöglich, alle von Paars Bewegungsfindungen wahrzunehmen, die sich an Pina Bauschs berühmtem Ausspruch orientieren, „eine Sprache mit Bewegungen zu finden, um das auszudrücken, was uns bewegt“. Immerzu passiert hier etwas, vieles auch gleichzeitig, so dass sich jeder hinterher an andere Geschichten erinnern dürfte. Eines jedoch haben sie alle gemeinsam. Die im Laufe des Abends mit Kreide auf die schwarze Rückwand geschriebene Sinnfrage: „I was here. Why?“ Sie ist der Fluchtpunkt der klug fesselnden Inszenierung, die bei allem Witz, der durchaus immer wieder aufblitzt, eine melancholische Grundnote besitzt. Handkes Stück endet mit den Worten „Kommen und Gehen, Kommen und Gehen. Dann ist der Platz dunkel geworden“. In Paars Tanzadaption singt zum verlöschenden Licht Dinah Washington, die Königin des Blues: „Lord, this bitter earth/Yes, can be so cold/Today you’re young/Too soon you’re old.“
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