Tom Schilling zum 90. Geburtstag
Plädoyer für den tanzenden Menschen
Wenige Tage vor seinem 98.Geburtstag, am 16. Januar 2026, verstarb der Choreograf Tom Schilling. Beigesetzt wurde seine Urne am 26.02.2026. Testamentarisch hatte er verfügt, dass erst nach der Beisetzung über seinen Tod berichtet werden dürfe. Schilling war der bedeutendste Choreograf der DDR. 1965 hatte Walter Felsenstein, der Intendant der Komischen Oper, ihn beauftragt, ein modernes Tanztheater-Ensemble aufzubauen und als Chefchoreograf zu leiten.
Seine Laufbahn begonnen hatte er 1941 als Eleve der Theaterballettschule Dessau. Sein erstes Solo-Engagement bekam er 1945 in Dresden, 1946 in Leipzig. Dort tanzte er u.a. in Mary Wigmans berühmter „Orpheus“-Choreografie. 1953 wurde er Choreograph am Nationaltheater Weimar und von 1956 bis 1964 Ballettdirektor der Staatsoper Dresden. Seine Spezialität an der Komischen Oper wurden abendfüllende Ballette. Am bedeutendsten „Undine“ (Musik: Hans Werner Henze) und, auf Libretti von Bernd Köllinger, „Wahlverwandtschaften“ (nach Musik von Franz Schubert), „Die schwarzen Vögel“ (Musik: Georg Katzer) sowie eine auf der Originalpartitur von „Schwanensee“ fußende Einrichtung des Tschaikowsky-Klassikers.
Schilling war ein genialer Erfinder von Schritten und Bewegungskombinationen und erarbeitete eine ganz eigene, auf den Entwicklungen des Ausdruckstanzes und des klassischen Balletts beruhende tänzerische Sprache. Er beherrschte alle Tanzstile. Der Tänzer war nicht nur Material des Choreografen, sondern individueller Partner mit eigenen Intentionen. Der Expressionistische und auch der klassische Tanz waren für ihn lebenslang kreativer Nährboden. Er verehrte Palucca, Wigman, Hoyer und andere. Zu den bedeutendsten Tänzerpersönlichkeiten unter seiner Leitung zählten sein Traumpaar Hannelore Bey und Roland Gawlik, Jutta Deutschland, Arila Siegert, Gregor Seyffert und Angela Reinhardt. 1994 verließ Schilling die Komische Oper.
Mit seinen Choreografien und dem Tanztheater der Komischen Oper errang er weltweit Erfolge und Anerkennung. Neben Kunstpreis und Nationalpreis der DDR bekam er 1994 den Deutschen Kritikerpreis für den Bereich Tanz, für sein Lebenswerk den Deutschen Tanzpreis und wurde Ehrenmitglied der Berliner Komischen Oper. 2002 wurde er aufgenommen in die Ehrengalerie der 101 Choreografen des 20. Jahrhunderts. Die Akademie der Künste, der er in der DDR angehörte, verließ er auf eigenen Wunsch nach der Wende.
Nach seinem Ausscheiden aus der Komischen Oper hatte er verfügt, dass keine seiner Choreografien wieder aufgeführt werden dürften. Erst 2023 erlaubte er das und übergab Arila Siegert die Rechte an seinen Stücken.
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