„Bolero X“ von Shahar Binyamini

dancefirst 2026

Das Tanzfestival in Fürstenfeldbruck mit großen internationalen Produktionen und einigen Überraschungen

Ein potenter Kurator, ein leidenschaftliches Publikum, clevere Partnerschaften und ein äußerst engagierter Theaterverein machen es möglich. Im Juni und Juli diesen Jahres zeigt das Veranstaltungsforum im Umland von München ein Programm, das sich sonst nur in Metropolen finden lässt.

Fürstenfeldbruck, 07/03/2026

Am 2. März hat der Vorverkauf begonnen, wer jetzt noch keine Tickets reserviert hat, sollte sich sputen. Denn bei dancefirst werden Weltklasseproduktionen gezeigt, auf die so manches großstädtische Theater brennt. Humanität, Beziehungen und gesellschaftliche Themen in einer aus dem Lot geratenen Welt stehen bei dieser Ausgabe im Vordergrund. 2026 kommen Tanzensembles aus der Schweiz, aus Israel, Frankreich, Italien und Deutschland mit Tanzstücken berühmter Choreograf*innen und Werken aufstrebender, junger Tanzkünstler*innen nach Fürstenfeld. 

Verschieb das Traurigsein (über den Tod der Mutter). Dröhn es zu. Das aber gräbt sich ein wie mit einem Meißel, vielleicht für immer.“ Mit dem neuesten Werk der israelischen Starchoreografin Sharon Eyal, die mit ihrem hochenergetischen, magischen Tanzstil jedes Publikum in ihren Bann zieht, präsentiert der langjährige Festivalleiter Heiner Brummel gleich zur Eröffnung ein absolutes Tanz-Highlight. Emotional, sensationell, magnetisch und zutiefst körperlich. Man kann nicht aufhören zuzusehen. Die Tänzer*innen von Sharon Eyal drücken Gefühle aus, die sich nicht in Worte fassen lassen. Eyal gilt als eine der bedeutendsten Choreograf*innen unserer Zeit. Delay the Sadness ist das neue Werk von ihr, für das jetzt schnell Tickets bestellt werden sollten, denn für diese Company wird Publikum auch von weit her anreisen. 

Sie haben gerade zweimal die prall gefüllte Muffathalle in München zum rocken gebracht. Die preisgekrönte Gauthier Dance Company aus Stuttgart ist eines der erfolgreichsten Tanzensembles Deutschlands. Mit vier exzeptionellen Stücken entsendet Publikumsliebling Eric Gauthier hochtalentierten Nachwuchs zu dancefirst: Inspiriert von der Widerstands-Ikone Maria del Mar, beschwören in Nacho Duatos Jardi Tancat drei in Erdfarben gewandete Paare das harte bäuerliche Leben in Katalonien herauf. Barak Marshalls The Blue Brides ist ein augenzwinkerndes Lehrstück über eine zum Scheitern verurteilte Liebe und die Gefahren von Naivität, blindem Gehorsam und Eifersucht. Lickety-Split von Alejandro Cerrudo skizziert die Begegnung dreier Paare: sinnlich, rätselhaft und mit einem Hauch Exzentrik. Den fulminanten Abschluss bildet Virginie Brunelles High Moon – eine kompromisslos dynamische Choreografie mit Club-Feeling und Originalmusik von Laurier Rajotte, inspiriert von Maurice Ravels Bolero.

Ein persönliches Anliegen sind Brummel die Poeten des Tanzes, Simone Repele und Sasha Rivas, die mit bewegten Bildern, mit kraftvollen Gesten und einem meisterhaften Stilvokabular, ein narratives Stück wagen, was im zeitgenössischen Tanz eher unüblich ist. I Meet You Where the Horizon Ends zeigt ein ewiges Gespräch zwischen zwei Liebenden, deren Leben an einem Scheideweg angelangt ist. Zwei Seelen offenbaren ihre verborgensten Gefühle und eröffnen ein Fenster zwischen Realität und Fantasie. In Dear Son treffen Kraft, Poesie, Emotionen und Kriegsdrama aufeinander. Das Stück zeigt ein Familienporträt, in dem der Sohn beschließt, in den Krieg zu ziehen. „Dear Son“ lädt dazu ein, über die Zerbrechlichkeit des Lebens in einer Gesellschaft nachzudenken, die immer noch von anhaltenden Kriegen und deren Folgen geprägt ist.

Stichworte Ausbildung, lokale Szene und Diversität der Tanzstile: Auch 2026 werden wieder Tanzgruppen des Landkreises das Festival bereichern. Ihr gemeinsamer Tanzabend Made in FFB genießt inzwischen Kult-Status in der Region. Erstmalig präsentieren sich in diesem Rahmen auch die Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) und das Olchinger Tanzstudio Lorenzen&Ottinger. 

Aterballetto aus Italien steht für Vielseitigkeit im choreografischen Repertoire, kraftvolle Ausstrahlung, Sensibilität und Technik. Zu dancefirst kommt das Ensemble mit vier Stücken: Spielerisch nähern sich Iratxe Ansa und Igor Bacovich George Gershwins berühmter Rhapsody in Blue. „Die Musik ist so energiegeladen und lebendig, […] sie bringt uns in einen Raum, in dem alles möglich ist“, so die Choreografen. An Echo, a Wave von Philippe Kratz vermittelt das Gefühl des Staunens, das der Blick auf das endlose Meer hervorruft. Reconciliatio ist ein weibliches Pas de deux von Angelin Preljocaj, inspiriert von einer sorgfältigen, aber nicht wörtlichen Lesart der Apokalypse. Die vielfach ausgezeichnete Kanadierin Crystal Pite sucht in Solo Echo - angeregt von zwei Brahms-Sonaten sowie dem Gedicht „Zeilen für den Winter“ von Mark Strand - virtuos nach einem Ausdruck für Liebe, Verlust und Akzeptanz.

Shahar Binyamini aus Be’er Sheva im Süden Israels hat sich mit einem einzigartigen Stil längst einen Namen gemacht, als einer der ganz großen neuen Choreograf*innen aus dem Wüstenland. In New Earth erforscht er, wie wir durch Bewegung neue Realitäten erschaffen und unsere Beziehung zur Welt transformieren. Eine emotional reichhaltige und innovative Klanglandschaft verbindet Vergangenheit und Gegenwart, menschliche Wärme mit digitalen Klängen und Tradition mit Experimenten und bietet den Tänzer*innen einen dynamischen neuen Kontext für die Verbindung von Mensch und Natur. "Die ästhetische Geschmeidigkeit der ausgezeichneten Tänzer*innen mit beeindruckender Kongenialität ist ein Hochgenuss“. 

Bolero X ist eine ebenso kraftvolle Neuinterpretation von Maurice Ravels ikonischem Boléro, der 1928 im Pariser Opernhaus uraufgeführt wurde. Die musikalische Struktur bildet die Basis für Binyaminis Version, in der es weniger um die Reproduktion der Vorlage geht, sondern um die Erforschung kollektiver Dynamiken und der unendlichen Energie, die durch eine hohe Dichte an Tänzer*innen entsteht. Und jetzt kommt der Clou: Diese hohe Tänzer*innen-Dichte wird durch eine Zusammenarbeit mit der Ballettakademie der Hochschule für Musik und Tanz erreicht, die speziell für dieses Event in München einstudiert wird. Das ist eine großartige Partnerschaft von Festival und Hochschule mit größtmöglichem Win-Win-Effekt. 

A propos Partnerschaft auch wir von tanznetz sind dabei. Im Rahmen des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ werden wir mit Studierenden zweier Hochschulen das Festival mit journalistischen Beiträgen spiegeln. Also auf bald bei dancefirst und hier bei tanznetz!

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