„Le Sacre du Printemps“ von Glen Tetley, Tanz: Henrik Erikson und Ensemble

Take a Bow

Das Stuttgarter Ballett verneigt sich zu dessen 100. Geburtstag vor Glen Tetley

Als Tänzer und Choreograf verband Glen Tetley das Klassische Ballett mit dem Modern Dance. In Stuttgart gilt „Tribute to Tetley“ auch dem ersten Intendanten nach dem Tod John Crankos.

Stuttgart, 26/04/2026

Ein sehnsüchtiger Blick, ein Zaudern mit dem Unausweichlichen, schließlich ein Dreinfinden und ein letzter Gruß zum Abschied. Das kann man hineinlegen in „Voluntaries“, uraufgeführt in Stuttgart im Dezember 1973, nur wenige Monate nach dem Tod von John Cranko. Die Kompanie ist noch in kollektiver Trauer um ihren charismatischen Leiter. In dieser Situation erarbeitet Glen Tetley das Stück auf das Orgelkonzert in g-Moll von Francis Poulenc.

„Die Orgel erschien mir immer wie eine Stimme Gottes“, wird Tetley zitiert, der die Arbeit Cranko widmete. Sie ist elegant wie die glänzend weißen Ballett-Trikots, technisch anspruchsvoll für die Solisten und kraftraubend mit Pressage-Hebungen für das zwölfköpfige Ensemble. Auf den ersten Blick mutet „Voluntaries“ rein klassisch an. Auf den zweiten atmet auch diese Choreografie schon den Modern Dance. Immer wieder verrutscht die Mitte des Körpers bei einzelnen Schrittkombinationen, windet sich der Körper der Ersten Solistin Elisa Badenes weich um den Oberkörper ihres Partners Marti Paixà, um beim nächsten Atemzug wieder in Spannung auf Spitze zu stehen. Ein anspruchsvolles Werk, dem die Orgel (Gastorganist Christian Schmitt) einen sakralen Anstrich verleiht. 

Suche nach Nähe und Abstand

Mehr als nur den „Atem“ des Modern Dance zeigt „Ricercare“.  Es stammt noch aus Tetleys Zeit in New York, wo er mit Jerome Robbins („West Side Story“) am Broadway genauso arbeitet wie mit dem American Ballet Theatre. Für letzteres kreiert er 1968 ein Pas de Deux auf „Ricercare“, ein Streichquartett des israelischen Komponisten Mordecai Seter. 2011 holte es Reid Anderson nach Stuttgart. 

Der Atem fließt in den Bewegungen der Ersten Solisten Anna Osadcenko und Friedemann Vogel bei der „Suche“ (ital. ricercare) nach Nähe und Abstand zueinander. Die beiden liegen auf einer weißen muschelförmigen Wippe. Auf der dunklen Bühne ist sie der Ausgangspunkt ihrer kleinen Ausflüchte voneinander weg und der sichere Hafen, in den sie immer wieder zurückkehren, eng umschlungen in einem gemeinsamen Atemzug. Der Atem und das Prinzip Anspannen/Loslassen, ein Impuls, der aus dem Becken kommt und dem der Körper folgt, das sind die Grundlagen der Graham-Technik. In „Ricercare“ sind sie lehrbuchhaft zu sehen. 

Den Höhepunkt des Ballettabends aber bildet eine der wichtigsten Kreationen Tetleys: „Le Sacre du Printemps“. 1974 kreiert er dieses Werk auf die Musik von Igor Strawinsky für die Bayerische Staatsoper. 1976 erarbeitet er eine Neufassung für Stuttgart. „Sacre bedeutet eine Schwelle zu überschreiten, über das rein Menschliche hinauszugehen“, so ein Zitat von Reid Anderson. Er stand bei der Premiere selbst auf der Bühne und erinnert sich, dass man „die ganze Zeit über schweißgebadet war.“

Hetzjagd der Peitschenjungen

„Le Sacre du Printemps“ ist eine Tour de Force. Auch für das Publikum. Vom kraftvollen Solo des ausgewählten Menschenopfers (überragend Erster Solist Henrik Erikson) über die Hetzjagd der Peitschenjungen mit geballten Fäusten und stampfenden Schritten, hin zum rituellen Reigen der Dorfgemeinschaft, wechseln die Bühnenbilder in rasantem Tempo. Hier zeigt sich der Modern Dance von seiner wilden Seite: kraftvoll, dynamisch. Dass bei der Premiere noch nicht jede Bewegung sitzt und synchron ist, wie man es in Stuttgart gewohnt ist, schmälert nicht den fulminanten Gesamteindruck. 

Der dreiteilige Abend setzt gekonnt Schlaglichter auf das Werk Glen Tetleys und spannt einen großen Bogen. Gleichzeitig ist es eine Reise zu den Anfängen dessen, was heute unter dem Begriff Contemporary Dance zusammengefasst wird. Das allein schon ist einen Besuch dieses Abends wert.

Mit dem Tribut to Tetley verneigt sich das Stuttgarter Ballett auch vor dem Mann, der es durch die schwerste Krise seiner Geschichte geführt hat. Tetley gab 1974 dem Wunsch der Kompanie nach, die Intendanz zu übernehmen. Als er diese 1976 auf eigenen Wunsch aufgab, um wieder nur kreativ arbeiten zu können, hatte er nicht nur künstlerisch neue Impulse gesetzt, sondern auch den Weg bereitet für die Zukunft der Kompanie. Diese begann mit Marcia Haydée, die er als Intendantin empfahl. 

Glen Tetley blieb Stuttgart bis zu seinem Tod 2007 verbunden. Und ein wenig darüber hinaus. Die Einstudierung von „Voluntaries“ und „Le Sacre du Printemps“ übernahm für die Glen Tetley Legacy Alexander Zaitsev, bis 2013 Erster Solist in Stuttgart und einer der führenden Interpreten der Werke Glen Tetleys.

 

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