„A Cinderella Story“ von John Neumeier, Tanz: Callum Linnane (vorn), Edvin Revazov, Futaba Ishizaki, Olivia Betteridge, Ana Torrequebrada und Charlotte Larzelere

Kontrastreich

„A Cinderella Story“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett

Zwei unterschiedliche Interpretationen des Klassikers von John Neumeier in einer Wiederaufnahme zu Beginn der Spielzeit. Welche überzeugt mehr?

Hamburg, 21/09/2026

Zwei neu ernannte Erste Solistinnen bestreiten die Hauptrollen beim Auftakt der Spielzeit beim Hamburg Ballett: Charlotte Larzelere in der ersten Besetzung, in Texas geboren und aufgewachsen und zwei Jahre lang Mitglied im Bundesjugendballett, und die Australierin Olivia Betteridge in der zweiten, ein Spross der Schule des Hamburg Ballett. Beide fast gleich alt (28 und 27 Jahre), beide fast genauso lange in der Kompanie (seit 2018/2017), beide 2023 zur Solistin und im Sommer 2026 zur Ersten Solistin ernannt. Da lohnt ein Vergleich. Noch dazu, weil John Neumeiers Kreation von 1992 das Grimm’sche Märchen ziemlich gegen den Strich bürstet und von jeglicher Süßlichkeit befreit. 

Cinderella ist bei ihm eine eigenständige junge Frau, Tochter eines liebevollen, aber schwachen Vaters (sehr gut dargestellt von Edvin Revazov und Pepijn Gelderman), der der zickigen Schwester seiner verstorbenen Frau auf den Leim geht (wunderbar überkandidelt: Futaba Ishizaki), die ihre beiden verzogenen Töchter mit in die Ehe bringt. Cinderella leidet unter dem Verlust der Mutter und der Bösartigkeit der Stiefmutter ebenso wie unter den Schikanen der beiden Stiefschwestern. Der Prinz ist bei Neumeier ein junger Maler, ein Künstler und Außenseiter am Hof seines Vaters, der nicht so recht in das königliche Leben passt und damit auch nichts anfangen kann. Cinderella sieht er zufällig am Grab der Mutter, bannt sie auf seinen Skizzenblock und ist fortan auf der Suche nach ihr. 

Bewusst folge er keiner der Märchenvorlagen genau, schreibt Neumeier selbst im Programmheft, es solle eine eigenständige Geschichte sein: „eine, die aus dem Tanz lebt und nicht eine vorgefundene Geschichte vertanzt“. Seine „Cinderella Story“ sei „kein groß ausgestaltetes Handlungsballett“, sondern eher „ein Ballett über Selbstfindung und Erwachsenwerden“. Die Menschen stehen im Mittelpunkt, alles, was man über sie wissen müsse, erfahre man aus ihnen selbst und ihren Bewegungen. 

Zweierlei Cinderella 

Und so kommt es sehr darauf an, wie eine Tänzerin diese Cinderella ausgestaltet – denn wie immer bei John Neumeier steht und fällt die Charakterisierung einer Protagonistin mit der Bereitschaft der Ballerina, diese Rolle in sich selbst zu finden, sie mit ihrer Persönlichkeit zu erfüllen und nicht einfach etwas nachzuspielen, was die Rolle vorgibt. Olivia Betteridge hat diese Bereitschaft, sie schenkt ihrer Cinderella ebenso viel Mut, Empörung und Trotz (im Aufbegehren gegen die Stiefmutter und deren beide Gören) wie Zartheit und Liebe, aber auch Eigenständigkeit in den Begegnungen mit dem Vater und dem Prinzen. Ihre Cinderella ist eine sehr eigenständige junge Frau, die bewusst ihren Weg geht und sich in keine Schablone pressen oder von Luxus verführen lässt. Wie wandlungsfähig sie ist, zeigt sich auch darin, dass sie in der ersten Besetzung als eine der Stiefschwestern ganz anders kann und mit Genuss und Aplomb das fiese Gör gibt. Das ist zum Schreien komisch, aber nie slapstickhaft oder gekünstelt. 

Charlotte Larzeleres Cinderella erscheint dagegen eher blass und ein wenig verloren bei all den Anforderungen, sie hat wenig Kontur und weniger Kraft und bleibt damit nicht so eindringlich in Erinnerung, auch wenn sie den Part technisch schön zu tanzen versteht. 

Interessant auch die unterschiedliche Darstellung des Prinzen: Callum Linnane, erst seit dem Sommer als Erster Solist beim Hamburg Ballett, ist erkennbar noch nicht wirklich angekommen, hat aber durchaus Potenzial. Er tastet sich noch vor in diese Rolle, während man bei dem blutjungen Caspar Sasse (derzeit noch Gruppentänzer) schon jetzt spürt, dass er als Prinz zu überzeugen versteht. Er hat das Bühnen-Gen, das man braucht, um die nötige Präsenz auszustrahlen. Bei ihm wird auch das Suchende spürbar, das den Prinzen so ruhelos sein lässt, und ebenso das Glück und die Erfüllung, wenn Cinderella und er sich zum Schluss finden – auf Augenhöhe, gleichberechtigt, einander in der jeweiligen Eigenheit gewachsen. 

Bei den drei Ministern hat die erste Besetzung mit Francesco Cortese eindeutig die Nase vorn – er stellt hier Joao Santana und vor allem Jack Bruce mit seiner mitreißenden Dynamik in den Schatten. Evan L’Hirondelle kann ihn in der zweiten Besetzung nicht wirklich ersetzen. 

Die Rolle der Erscheinung der verstorbenen Mutter erfüllt Anna Laudere sehr viel überzeugender und mit einer unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit und Eleganz, an die Ida Praetorius in der zweiten Besetzung nicht heranreichen kann. 

Auffällig bei der Ballszene zu Beginn des 2. Aktes ist Francesca Harvey als eine der eingeladenen Damen: Wenn sie den König zum Tanz animiert, knistert es auf der Bühne. 

Wie ohnehin dieses Stück schon allein vom Bühnen- und Kostümbild her von Anfang bis Ende zu überzeugen weiß. Jürgen Rose hat sich dabei mal wieder selbst übertroffen mit dem weiß ausgekleideten Raum ohne Gassen, der nach hinten in diffusem Schwarz mündet und nur das Nötigste an Ausstattung auf die Bühne stellt: ein biederes Sofa und einen Sessel in meliertem Braun und später in Senfgelb, dazu einen alten großen Herd und später bei der Ballszene einen riesigen Spiegel als einziges Requisit neben dem Königssessel, am Schluss den üppigen Haselstrauch. Die Abendroben der Ballgesellschaft in Rot und die Gewänder der auffällig herausgeputzten Stiefmutter in Tieflila und ihrer Töchter in Orange und Quietschrosa sind ein Blickfang für sich ... 

Simon Hewett bei der Premiere und später Roc Fargas leiten das hochmotiviert aufspielende Philharmonische Staatsorchester mit sicherer Hand durch die wunderschöne und dem Stück wie maßgeschneiderte Musik Sergej Prokofjews, die Neumeier noch mit einer Symphonischen Dichtung („Träume“ op. 6) und einer Symphonischen Skizze („Herbstliches“ op. 8) gekonnte ergänzt hat. Eine Wiederaufnahme, die einen Besuch lohnt. 

 

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