Erdenbewohnbarkeit
Ein Foto-Blog von Ursula Kaufmann
Von Hannah Emami
„Mit so Vielen habe ich das noch nie gemacht“, bekennt Ben Riepe. Alle stehen im komplett verwandelten Bühnenraum des Tanzhaus NRW – laut Programm irgendwo zwischen Kathedrale, Lounge und künstlichem Horizont. Wir heben gemeinsam die Arme, atmen dabei tief ein und führen dann die Hände zur Brust mit einem stoßartigen Ausatmen. Der Raum hat etwas von einem weißen, gemütlichen Zelt. Eine Person neben mir sagt zu ihrer Begleitung: „Wir sind in einer riesigen Knoblauchknolle“. Hoffentlich hat niemand hier zu viel Knoblauch gegessen.
Unter Riepes Anleitung wird es allmählich immer intensiver und schneller zu immer lauterer Musik. Die trockene Theaterluft brennt in Nase und Hals. „Bleibt bei mir!“, ruft der Choreograf. Meine Hände kribbeln. Ich möchte aufhören und möchte gleichzeitig nicht, dass das Gruppenhecheln endet. Wieder und wieder führen alle gemeinsam diese Bewegung aus, folgen demselben Rhythmus. Geschickt führt Riepe durch diese gleichermaßen energetisierende wie erschöpfende Gruppenerfahrung, durch ein Tal, hin zu einem High. Als es vorbei ist, herrscht Erleichterung. Leute fallen sich in die Arme, auch Riepe umarmt einige der Anwesenden. „Ich liebe euch alle!“
Entblößung auf mehreren Ebenen
Es ist ein Comeback nach langer Produktionspause: In „HOLY SHIT – A Human Experience“ steht der exzellenzgeförderte Choreograf nach vielen Ensemblestücken nun selbst als Solist auf der Bühne. Den Anfang der rund 100 Minuten macht die gemeinsame Session in körperlicher Gruppenerfahrung. Dann verändert sich das Setting, und Riepe zeigt sich, begleitet von eingesprochenen Texten und projizierten Bildern, in wechselnden Kostümen, die auch seine Bewegungsqualität beeinflussen. Der Choreograf teilt persönliche Geschichten zu seiner Selbstwahrnehmung und aus dem Familienleben. Dabei reflektiert er über Geschlecht, KI und die Suche nach Orientierung und Zusammenhalt in einer unsteten Welt. Riepe entblößt sich vor versammelter Menge und zeigt sich von ganz intimer Seite, sprichwörtlich und buchstäblich.
Der Mitmach-Charakter des ersten Teils und die Gestaltung des Bühnenraumes mit weißen Teppichen und Kissen (Aliki Anagnostakis und Ben Riepe) bringen es mit sich, dass das Publikum jegliche Taschen und Jacken abgeben und die Schuhe ausziehen muss. Vor allem Letzteres löst bei einigen Unmut aus. Doch es wurde vorgesorgt: Für die Verweigerer stellt das Personal Schuhüberzieher bereit.
Mich beschäftigt vor allem meine Kleidung, die, wie die meiste für weibliche Körper hierzulande, ohne (oder mit nutzlosen) Taschen hergestellt wurde. Schade, dass sich das freundliche Anraten bequemer Outfits seitens des Theaters nirgends auf der Website fand und nun vor Ort definitiv zu spät kommt. Mit der Garderobenmarke im BH und dem Ticket im Ärmel setze ich mich also mit den anderen auf den Boden. Für diejenigen, die nicht so sitzen können oder wollen, wurden im hinteren Bereich ein paar Stühle bereitgestellt.
Group Scrolling
Nach dem euphorischen Atemmarathon inszeniert sich Riepe für den Rest des Abends im Zentrum des Geschehens: in der Raummitte im Scheinwerferkegel. Das könnte eitel und egozentrisch wirken, ist hier aber sehr charismatisch und ehrlich. Zwei Personen aus seinem Team (Izaskun Abrego und der für die Kostüme verantwortliche Dominik Wieçek) ziehen ihn immer wieder um. Mal im enganliegenden Trikot mit der Aufschrift „Whore“, mal in angedeuteter Ritterrüstung, grüner Moosmontur oder als jene Heiligenfigur, die so prägnant auf dem Werbematerial prangt, dreht sich der Performer ganz entrückt im Kreis. Minimalistische und sich wiederholende Bewegungen des Oberkörpers verändern seine Gestalt ebenso wie seine Kleidung. Einer Trance gleich, die Arme zur Seite geöffnet, hält er niemals an und überlässt es seinen Helfer*innen, ihm verschiedene Hosen, Oberteile, Masken und Umhänge überzustreifen. Das Ergebnis zieht die Blicke auf sich, die Riepe konsequent nicht erwidert. Er bleibt jetzt in seiner eigenen Welt.
Welche Welt das ist? Die seines Instagram Algorithmus‘. Durch den eingespielten Sound scrollen wir gemeinsam durch den Feed und hören Stimmen der Kapitalismuskritik, Reflexionen über geschlechtliche Energien, Aufrufe zur Rebellion, KI-kritische Stimmen. Die Themen sind unterschiedlich und gleichzeitig miteinander verknüpft. Riepe lässt alles an sich herunterlaufen wie die weiße Farbe, mit der ihn seine Helfer*innen irgendwann am ganzen Körper bemalen. Die im immer gleichen Tempo fortlaufende Rotation auf der Stelle wirkt wie ein Kommentar auf das ewige Weiterscrollen. Der entrückte Blick sucht Halt in den Stimmen des Algorithmus, den Riepe mit einem Orakel vergleicht.
Der performende Choreograf genießt und bindet die Aufmerksamkeit, lässt sich bekleiden, inszeniert sich als Vater-Mutter, als Krieger, als Heilige. Dass das nicht wie ein Egotrip wirkt, verdankt sich der schlauen Dramaturgie: Das gemeinsame Atmen bis an die Grenze zur Zumutung und die darauffolgende vollkommende Entspannung, liegend unter den kreierten Sound- und Lichtlandschaften (Technische Leitung: Julius Kindermann), schaffen einen Raum, in dem es schwerfällt, sich nicht angesprochen zu fühlen. Die menschliche Erfahrung der Verbundenheit bestimmt für einen Moment die Szene – das ist kostbar in Zeiten von Entfremdung und Distanz. Zuletzt wiederholt der Choreograf die Gestik und Atmung vom Anfang. Einige im Publikum steigen mit ein. Irgendwie tröstlich. Fast wirkt es, als wollten sich alle gemeinsam versichern: Wir sind nicht allein.

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.
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