„UNLUCK“ von Hofesh Shechter

Was ist Glück ?

Aszure Barton und Hofesh Shechter punkten mit „Luck/Unluck“ bei Gauthier Dance

Eric Gauthier kleckert nicht – er klotzt: gleich zwei Uraufführungen von zwei Artists in Residence präsentiert der neue Tanzabend mit der Gauthier Dance Kompanie des Stuttgarter Theaterhauses.

Stuttgart, 28/06/2026

Woher weht der Wind, wenn sich das Unglück über einem zusammenbraut? 

Da steht es, das Häuflein Elender in hippibunten Klamotten. (Kostüme Hofesh Shechter mit Kerry Rees und Christine Lange). Barfuß, mit wippendem Oberkörper wie im Gebet, am Boden kriechend, sich gegenseitig stützend und übereinander fallend, werfen sie immer wieder die Arme und Blicke gen Himmel, händeringend, Fäuste werfend, so als wollten sie es abwehren, das Unglück. Sie lassen sich dabei nicht aus den Augen, während sie vom Rhythmus oder Wind des Unheils getrieben, immer wieder in neue Formationen wechseln. Wie in einer Art Trance scheinen sie sich dabei ganz dem Tanz hinzugeben, folgen dem rasanten Tempo der Musik, einem Klangteppich von Hofesh Shechter aus Stimmen, Geräuschen Musik von Klassik bis Elektrobeat. Und spätestens wenn sich Tänzer an den Schultern fassen und kurz in den Rhythmus eines traditionellen Tanzes fallen, wird die Schule, die  Hofesh Shechter selbst als Tänzer in der Batsheva Dance Kompanie durchlief, deutlich. Auch die gebetsmühlenartigen Wiederholungen gehören dazu. Bis sich die Schicksalsgemeinschaft ein letztes Mal zusammenfindet und den Blick auf den rötlich gefärbten Horizont (Lichtdesign: Tom Visser) richtet. Schon Hölle oder noch Fegefeuer? Spot aus. 

„Any way the wind blows – wie auch immer der Wind weht“ - Hofesh Shechters Beitrag zum Thema „Unluck“ lässt viele Lesarten zu – auch diese, dass es sich eher um eine Anleitung zur Vermeidung des Unglücks handeln könnte. Er selbst lässt wissen, dass er aus Aberglaube während des Prozesses des Choreografierens niemals seine Hose wechselt. Nun denn. Wenn‘s Glück bringt!  

„Das Glück fällt vom Himmel wie Vogeldreck“

Die weiten Trompetenärmel der schwarzen Hemdblusen bauschen sich wie im Flug, wenn die 16 Tänzer und Tänzerinnen mit weit ausladenden Armbewegungen und großen Schritten in kiltartigen grauen Faltenröcken (Kostüme: Rémi van Bochove) von der Bühne abzuheben scheinen. Das erste von vielen eindrücklichen Bildern, die die Kanadierin Aszure Barton zum Thema „Was ist Glück?“ anbietet. „Das Glück wartet nicht auf uns“, erklärt sie dazu. „Es fällt vom Himmel wie Vogeldreck absurd, gleichgültig, mal sanft und mal so, dass es einem den Schädel spaltet.“

Und so fallen auch die Bilder zueinander: die sich wie Derwische auf Socken drehenden Tänzerinnen, die in der Bewegung erstarrende Gruppe, die Läufer auf der Stelle, das Purzelbaumschlagen - vor Glück? -  über dem Rücken der Mittänzer*innen und immer wieder die klassischen Ballettpositionen, Pliés und Grand Pliés, die sich in fließende Bewegungen auflösen und das an Akrobatik grenzende Sich-fallen-lassen aus dem Schulterstand im Vertrauen auf die auffangende Gemeinschaft. „Glück fühlt sich an, als würde mich etwas Größeres tragen – und macht mich zugleich sicher und verletzlich.“ Das antwortete Tänzerin Rebecca Amoroso auf Bartons Aufforderung an die Kompanie, sich Gedanken zum Glück zu machen. Und so endet dieser Teil des Abends unter dem Titel „Luck“ wie bei „Unluck“ in Gemeinschaft, aber in einer heiteren, mit einem großen Reigen aller Tänzer*innen, die sich Arm in Arm wie ein Riesenrad drehen. Das alles passiert auf einen Musikteppich aus härtesten Elektrobeats (Musikauswahl: Aszure Barton). Denn das Glück ist nicht nur leicht und lustig bunt. Es ist wie das schwarz-weiße Flickenmuster des Harlekins am Strumpf eines Tänzers und auf den Höschen, die ab und zu unterm Faltenrock hervorblitzen. Es steht für Lebensfreude und für Theatralik, denn ohne die kommt auch das Glück nicht aus.

So bleibt am Ende von gut zwei Stunden die Erkenntnis, dass Glück und Unglück soweit garnicht auseinander liegen – beides erleben wir durch und mit der Gemeinschaft. Dass dieser Abend bei aller Unterschiedlichkeit der Choreografien zudem wie aus einem Guss erscheint, ist aber vor allem die Leistung der 16 Tänzer*innen von Gauthier Dance. Sie tanzen auf einem Niveau und mit einer stilistischen Flexibilität, mit der Eric Gauthier international mithalten kann. 

Bester Beweis dafür sind diese Artists in Residence. Hofesh Shechter zählt zu den international interessantesten zeitgenössischen Choreografen. Der heute in London lebende Künstler ist seit 2021 Artist in Residence. Ihren Einstand in dieser Funktion gibt Aszure Barton mit „Luck“. Vom klassischen Ballett kommend, ist sie heute ebenso wie ihre Kollegin Crystal Pyte Kanadas Botschafterin für zeitgenössischen Tanz und international gefragt. Wieder einmal beweist Eric Gauthier damit sein glückliches Händchen für eine vorausschauende und kluge Kompanie-Politik.

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern