1 Million D-Mark und gute Geschichten
Birgit Keil und Vladimir Klos geben verblüffende Einblicke in ihre „Tanzstiftung Birgit Keil“
In Mechelen, einer Kleinstadt südlich von Antwerpen, wurde am 25. September ein Ballett aus der Taufe gehoben, das in besonderer Weise den Tanz ehrt und ebenso die Liebe zwischen Mutter und Sohn thematisiert: „In the Afterglow“ von und mit Emiel Vandenberghe und der legendären Stuttgarter Primaballerina Birgit Keil, unter der Assistenz von Thiago Bordin.
Die kleine Bühne des 130 Zuschauer fassenden Nona-Theaters wird von oben beleuchtet von neun Neonröhren, auf dem Tanzboden sind eine Ballettstange und ein Hocker platziert, den hinteren Raum begrenzen rollbare Spiegel. Ein junger Tänzer trainiert mit dem Rücken zum Publikum Posen, Sprünge, Schrittfolgen, zuerst an der Stange, später im Raum. Verbissen kämpft er um Haltung, Dynamik, Virtuosität, setzt all seine Kraft und seinen Willen ein, um Perfektion zu erreichen, aber sie will sich nicht wirklich einstellen.
Da betritt von rechts eine zierliche, schmale Gestalt die Bühne, schwarzes Shirt, schwarze Hose, hochgesteckte dunkle Haare. Schon bei den ersten Schritten erkennt man: Das ist eine besondere Persönlichkeit. Eine selbstverständliche Würde geht von ihr aus, die Respekt gebietet und gleichzeitig voller Wärme ist. Man versteht: Die Maestra und ihr Schüler.
Erstaunt schaut sie auf den verschwitzten und erkennbar unzufriedenen, vor Anstrengung leicht keuchenden jungen Mann: „Ruhig, Emiel, ruhig ... atme ... atme, come down ...“ und besänftigt ihn mit zarten, beruhigenden Gesten. Es beginnt eine kurze Coachingrunde, und unter der kundigen Führung der Maestra erarbeitet sich der junge Tänzer das knapp einminütige Solo des James aus Bournonvilles „La Sylphide“. „Hör die Musik mit jeder Pore“, fordert sie ihn auf. Es sind gerade die kleinen Korrekturen, die viel bewirken – und es ist ungeheuer spannend, den beiden dabei zuzusehen, wie das anspruchsvolle Solo an Gestalt gewinnt, der Tanz an Leichtigkeit, die Mimik an Freude.
Ein sprechender Rücken
Danach setzt eine andere Musik ein (Komposition: Lara Chedraoui und Patrick Van Neck), der Tänzer tritt in den Hintergrund, und die Maestra kommt nach vorne. In angedeuteten Gesten erinnert sie sich an ihre großen Rollen: Raymonda, Giselle, Marguerite aus Neumeiers „Die Kameliendame“, Tatjana aus Crankos „Onegin“, Odette aus Crankos „Schwanensee“, und dann: die Sylphide. Da kommt der Tänzer wieder dazu, und noch einmal tanzt er das Solo, um sie dann mit einem Seidenschleier einzufangen, sie verliert die Flügel und stirbt.
Die Musik verändert sich, die Neonröhren erlöschen, sie geht ab. Von der Empore wird Bühnennebel eingeblasen, ein Scheinwerfer verströmt orangefarbenes Licht (Lichtdesign: Stan Vebros). Der Tänzer löst die Klebebänder vom Ballettteppich und rollt ihn Streifen für Streifen auf, schiebt die Spiegelwände beiseite. Währenddessen kommt die Maestra zurück, Spitzenschuhe in der Hand, die sie sich, auf dem Hocker sitzend, langsam anzieht, das schwarze Oberteil und die Hosen abstreift und sich ein zartrosa, fließendes Mousselin-Kleid überzieht (Kleid: Alain Paul). Auf Spitze tänzelt sie zum Hocker zurück und setzt sich mit dem Rücken zum Publikum. Die Musik ändert sich wieder, und er tanzt ein Solo – für sie, für sich. Es ist ein Solo voller Zweifel und Fragen, aber auch voller Hingabe und Liebe.
Sie schaut nur zu, kerzengerade aufgerichtet. Und ihr Rücken spricht. Er wispert, er lächelt, er fragt. Ihr ganzer Körper erzählt, was sie sieht: Du bist gut, so, wie du bist. Es ist das Geschenk einer Mutter, die bedingungslose Liebe, die sie ihrem Kind schenkt. Daraus wächst ihm Stärke zu. Sie macht ihn zu dem, der er ist und der er sein darf.
Darauf folgt ein bewegender Pas der Deux, mit Hebungen und Haltungen, die zeigen: Auch mit 82 Jahren ist eine Ballerina eine Ballerina, Birgit Keil mit ihrer atemberaubenden Linie, den fließenden Armen und ihrer zeitlosen Eleganz sowieso. Noch einmal blitzen Zitate auf, an Crankos „Romeo und Julia“, an „Schwanensee“, und noch einmal lässt der Tänzer sie fliegen – er schenkt ihr die Bühne, den Tanz, und hält sie zum Schluss minutenlang in seinen Armen, während er sich ganz langsam um sich selbst dreht, bis das Licht sachte erlöscht.
Eine Liebeserklärung an den Tanz und die Mütter
Dieses Stück ist das Kondensat eines Lebens, das man mit dem Herzen sehen muss – die Quintessenz eines langen Künstlerinnenlebens verbindet sich mit der Bewunderung und Liebe eines jungen Mannes, der eine kurvenreiche Entwicklung hinter sich hat. Mit diesem Stück huldigt Emiel Vandenberghe sowohl seiner Mutter, zu der er eine enge Bindung hat, als auch seiner tänzerischen Mutter, Birgit Keil – sechs Jahre lang war er am Badischen Staatsballett in Karlsruhe engagiert, davon vier Jahre unter ihrer und Vladimir Klos‘ Leitung. Seit 2022 arbeitet er freischaffend, schuf kleinere Choreografien und mit diesem Stück erstmals ein längeres Werk.
Ein Jahr und drei Monate lang hat er an daran gearbeitet, innerhalb von fünf Wochen entstand die jetzige Fassung. Es grenzt an ein kleines Wunder, dass es ihm gelungen ist, Birgit Keil, die 1995 letztmals auf der Bühne stand, zu überzeugen, nochmal dorthin zurückzukehren. Und es ist ein Geschenk für alle, die dieses Stück sehen dürfen – es tourt bis Anfang Oktober 2027 durch zehn Städte Belgiens. Und wird hoffentlich auch in Deutschland zu sehen sein.
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