Fragmentarische Eskalation
„Carmen – Bolero“ von Natalie Wagner an den Landesbühnen Sachsen
Die Leiterin des Tanzensembles an den Landesbühnen Sachsen Natalie Wagner arbeitet für ihren neuen Tanzabend „4 Jahreszeiten“ zum wiederholten Mal mit dem Sounddesigner, Musiker und Komponisten Nikolaus Woernle zusammen. Schon für ihre Arbeit „Im Puls“ letztes Jahr hatte er eine komplexe Soundlandschaft geschaffen. Und mit Vivaldi geht er nicht gerade zimperlich um. Er bedient sich an einigen Motiven, die er auch mal verpoppt, sodass es geradezu kitschig nach Rondò Veneziano klingt. Nur sollte man nicht annehmen, das würde harmlose Gefälligkeit bedeuten. Stattdessen bricht Woernle immer wieder die Stimmung und den Moment. Und das hat seinen Grund.
Natalie Wagner setzt darauf eine Dramaturgie, die sich gewaschen hat. Sie nutzt die Brüche, um ganz klar zu zeigen, dass Vivaldis Konzept so nicht mehr funktioniert. Die Welt ist aus den Fugen. Die Jahreszeiten sind nicht mehr das, was sie mal waren. Die Dinge sind durcheinandergeraten.
Zwar beginnt das auch hier recht idyllisch, mit Grillenzirpen und einem ganz langsamen Wogen. Die Tänzerinnen und Tänzer sind hier Natur, Organik, zwar Lebewesen, aber eine ganze Weile lang sind sie keine Menschen. Katharina Andes hat das Ensemble dazu in weite Hosen in hellen Grau- und Beigetönen gesteckt. Ihre Oberteile wirken fleckig. Damit scheinen sie wie aus der riesigen Wand im Hintergrund herausgeschnitten, einem Geflecht, das Wurzeln sein könnten, aber auch als Zellgewebe gelesen werden kann.
Trügerische Idylle
Durch die anfängliche Ruhe wird das Publikum in einer Sicherheit gewogen, die im Verlauf des Abends immer weiter zerbröselt und verstörender Unsicherheit weicht. Das macht diese Arbeit nicht gerade leicht verdaulich. In gewisser Weise sollte das als Warnung gelesen werden.
Das verlangt dem Publikum einiges ab, weil es eine Analogie zu einem veränderten Klima ist, in dem die alten Gewissheiten nicht mehr funktionieren, auch im übertragenen Sinn, wie sich später zeigt. Die Wirkung dessen spürt man ganz unten im Magen. Entsprechend gibt es keinen wahrnehmbaren Wechsel der Jahreszeiten mehr. Das Unbunte der Kostüme bleibt, was es ist.
Ausgehend von der Naturidylle vollziehen die Tänzerinnen und Tänzer keine Evolution hin zum Menschen, sondern eher eine Art Individualisierung, in der Einzelne immer deutlicher wahrnehmbar werden. Eine Tänzerin funktioniert plötzlich nicht mehr und fällt einfach um. Sie wird umsorgt, aber immer mehr wird deutlich, dass die Zugewandtheit der Gruppe ambivalent ist: Was wie ein Stützen und Aufhelfen wirkt, kippt schrittweise in übergriffiges, forderndes Verhalten um, bei dem der Eindruck entsteht, sie würde als ein Subjekt der Begierde geradezu verschlungen werden. Das wächst sich zu körperlicher Gewalt aus. Ab diesem Moment erscheinen die Tänzerinnen und Tänzer schließlich als Menschen. Vivaldi klingt leichtfüßig durch ein aggressives Duett hindurch, das klar auf Leben und Tod ausgerichtet ist. Am Ende dessen hängen aus den Öffnungen der Rückwand einzelne Arme und Beine. Plötzlich wirkt diese Wand wie aus Knochen. Als befände man sich in den Katakomben Roms.
Suche nach Schutz und Sicherheit
Diese konfliktreiche Auseinandersetzung miteinander zeigt auch die Suche nach Schutz und Sicherheit im und bei dem Menschen. Die Tänzer springen sich gegenseitig in die Arme und werden wie zur Rettung aufgefangen, nur um schließlich wie Tote reglos hochgehoben zu werden.
Das alles bereitet die intensivste Szene des Abends aber nur vor. Zu einem Stimmengewirr, aus dem man augenblicklich den abfälligen Ton Trumps hören kann, ohne auch nur ein Wort zu verstehen, kriechen einzelne Tänzer auf allen Vieren wie Hunde langsam quer über die Bühne, an ihrer Seite jeweils aufrecht eine Art Führer. Manche stehen aufrecht wie Despoten auf den Rücken von Besiegten. Diese Gruppe Geknechteter und Unterworfener zu ertragen, ist besonders deshalb so schwer, weil über allem auch ein Hauch von friedlicher Idylle zu liegen scheint. Die Fronten sind geklärt. Und das ist noch längst nicht der Tiefpunkt.
Schreie, Explosionen, Gewehrsalven. Im Vordergrund ein harmonisches Duett, während an der Rückwand Exekutionsszenen ablaufen. Vivaldi auf zynisch. Und sofort ein Bruch, freundliches Licht und ein sorgloser Kreistanz, als wäre nichts gewesen. Keine Zeit, die Dinge zu verdauen.
Das macht „4 Jahreszeiten“ zu einem vielschichtigen Abend, der mit seinem politischen Ansatz auch provoziert. Schön ist was Anderes. Schön war es bei Vivaldi, vielleicht. Die Realität aber ist anders. Das sollte einem klar sein.
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