Brutalität der Jugend
Zum Start von Alessandra Ferri am Staatsballett Wien mit einer dreifachen „Giselle“
Zur 100. Aufführung von Elena Tschernischovas „Giselle“ an der Wiener Staatsoper
Eben noch, so erscheint er in der Erinnerung, behauptete Vladimir Malakhov als schwereloser, scheinbar geflügelter Albrecht die Wiener „Giselle“-Inszenierung der Ex-ABT-Ballettmeisterin Elena Tschernischova. Sie holte in ihrer kurzen Direktionszeit den Jungstar fest ans Haus. Auch sonst krempelte die Wiener Ballettchefin von 1991 bis 1993 das Ensemble mit zahlreichen Neuzugängen um. Für ihre amerikanisch geprägte Gala lud die von Natalia Makarova nach Wien empfohlene Russin in einem großen Kreis von Maja Plissezkaja bis Patrick Dupond auch Alessandra Ferri ein, für ein Duett aus Jerome Robbins‘ „Other Dances“ mit Robert La Fosse. Ferris Robbins-Gala in Wien folgt 2027.
Dass Tschernischovas weitgehend in schwarz-weiß gehaltene Inszenierung Leningrader Zuschnitts ihre 100. Vorstellung erleben würde, hätte kaum jemand gedacht. Dass diese, in damals ferner Zukunft, von Ferri und Julio Bocca betreut werden würde, auch nicht. Die Ballettwelt schließt wohl immer wieder ihre Kreise. Die 100. Aufführung also mit Debütant*innen, die Ferri in ihrer unvorhersehbaren Besetzungspolitik scheinbar zahllos an der Hand hat: Die erste Dame am Haus ist derzeit Madison Young. Von Manuel Legris nach Wien geholt, zum Bayerischen Staatsballett abgewandert, ist sie seit Herbst wieder in Wien und besticht so gut wie in all ihren Auftritten mit glasklarer, dem choreografischen Willen folgender Sichtbarkeit. Man mag sogar über bisher „übersehenes“ Schritt- und Gestenmaterial ob seiner präzisen Ausführung staunen. Sie verfügt, wie es so schön heißt, über ihr Instrument, den Körper, in scheinbar allen Tanz-Lagen. Souverän aber nie um des Effekts Willen, sondern mit Inhalt und Ausdruck bis ins Detail angereichert. Das „Sibyllinische“, das Rätselhafte möge ihr trotzdem erhalten bleiben. Selbstverständlich trägt sie „schmalen Fuß“ und keinen Monsterschuhblock am Ende der Zehen.
Eigentlich braucht Madison Young keinen Partner, Franziska Wagner-Hollinek als ergreifend schutzgebende Mutter Berthe ausgenommen. Das Herzergreifende im ersten Akt entzündet sich mehr angesichts des Verlobungsrings an der Hand Bathildes (Ketevan Papava) als am verdattert entlarvten Albrecht. Das Ätherische, nicht mehr Greifbare ist im zweiten Akt ihr Auftritts-Elixier, es verlässt sie keinen Moment, auch als Schutzschild für Albrecht nicht. Victor Caixeta, ein musikalisch vibrierender, genauer Tänzer voll des Rollenstudiums und scheinbar eingedenk so manchen Vorbilds, kann sich da nur betrübter Schwermut überlassen. Als dramatischer Akteur darf er viel stärker „ins Rampenlicht“ eintauchen und seine Verfasstheit als reuevoller Liebes-Betrüger in seine füllig schön getanzten Variationen einbringen. Ähnlich geht es Timoor Afsahr, der seinen ersten Hilarion in seiner ersten „Giselle“ tanzt und vor allem wie ein empathischer, eleganter, wohlfeil tanzender Compagnon der Giselle wirkt. Die Angebetete stirbt, da dürfen verzweifelte Emotionen sprühen, die Adolphe Adams Komposition aus dem Orchestergraben unter Luciano Di Martino befördert.
Die Myrtha des Abends, erstmals Milda Luckuté, neue Corps de ballet-Tänzerin, aus Litauen, Preisträgerin etlicher Wettbewerbe, zuletzt in Dresden engagiert, rundet den Sieg der Frauen an diesem Abend mit einer elastischen Wilis-Gruppe ab. Die strenge, wunderschöne Linie und der Aplomb der jungen Solistin sind bemerkenswert.
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