Liebe ist weder männlich noch weiblich, sondern menschlich
Marguerite Donlon choreografiert wunderbar leicht und gendergerecht „Romeo und Julia“
Unter großer Begeisterung des Publikums hat im emma-theater, dem Kleinen Haus des Theaters Osnabrück, das Tanztheater-Stück „Æon“ der finnischen Choreografin Johanna Nuutinen Premiere gefeiert. „Æon“, was man als Lebenszeit übersetzen kann, ist reines, fesselndes Tanztheater in drei Szenen, die deutlich durch die Farben Weiß, Schwarz und Rot unterschieden sind.
Am Anfang ist die kulissenlose Bühne noch weiß und erinnert an frisch gefallenen Schnee. Unter dem Bühnennebel wird ein bewegtes Menschenknäuel sichtbar, von dem erst langsam deutlich wird, dass es sich um zwei hellgekleidete Männer (John O'Gara und Luigi Imperato) handelt. Mühsam versuchen sie, voneinander loszukommen. Es dauert, bis die beiden vom Boden erst auf die Knie, und dann, sich Rücken an Rücken aneinander aufrichtend, auf die Beine kommen. Als sich beide als eigenständige Wesen gefunden haben, umarmen sie sich vertraut. Dann hebt der eine den anderen leicht an, dreht sich mit ihm etwas und setzt ihn etwas weiter sanft wieder ab. Das Gleiche geschieht mit vertauschten Rollen, bis langsam die ganze Bühne umrundet ist; sie arbeiten sich miteinander aneinander ab.
In der nächsten Szene dominiert auf der jetzt schwarzen Bühne der Kampf. Aus dichtem Nebel springt kraftvoll ein dunkelgekleideter Tänzer in Kampfpose, dem ein zweiter und zwei Tänzerinnen folgen (Luigi Imperato, Jeongmin Kim, Bojan Micev, Emanuela Vurro). Ruckartig und wie mechanisch nehmen sie Kampfstellungen ein, die sich nicht gegeneinander, sondern gegen einen unsichtbaren, anscheinend überall lauernden Gegner richten. Sie brauchen so viel Zeit, bis sie sich aufeinander beziehen können, bis ihre Bewegungen weicher werden und sie sich zu Paaren finden. Schließlich gehen sie als Paare in die Vereinzelung, ein Paar steht im Licht, das andere im Dunklen.
Für die dritte Szene ist die Bühne in tiefes Rot getaucht. Nun stehen drei Tänzerinnen (Marine Sanchez Egasse, Barbara Minacori, Emelie Söderström) in Lichtkegeln nebeneinander. Lange bewegen sie sich nicht von ihren Plätzen, nur ihre Oberkörper drehen und verbiegen sich. Weich und fließend folgen die Drehungen aus der Bewegung der Arme. Mit den Händen bedecken sie ihre Münder, ihre gespreizten Finger deuten auf ihre Augen. Erst nach längerer Zeit tritt die Mittlere aus der Reihe und wendet sich der linken, dann der rechten Tänzerin zu, bevor sich alle drei liebevoll aneinanderschmiegen. Als sie sich dann an den Händen halten und sich so zurückbeugen, dass nur noch ihre Fingerspitzen sich berühren, reißt ihre Verbindung – sie stürzen zu Boden. Aber sie richten sich Rücken an Rücken wieder aneinander auf, und mit in die Höhe gereckten Armen verschwinden sie im Bodennebel, aus dem ihre Köpfe wie die von Ertrinkenden spektakulär wieder auftauchen, um dann zu versinken.
Als reiner Tanz hat „Æon“ keine eindeutige Botschaft. Es ist ein Stück über das Leben von der Geburt bis zum Tod, das man aber auch als Geschichte darüber erfahren kann, wie ein Mensch in der Zeit seines Lebens zu sich selber kommt.
Den Tanz in „Æon“ unterstützen stimmig mal mit Geräusch, mal mit symphonischem Jubel oder dem harten Rhythmus des Herzschlags die Kompositionen von Tuomas Norvio, Anna Meredith und Lauri Porra und das klare Lichtdesign von Tuomas Honkanen. Allen an der begeisternden Aufführung Beteiligten, besonders aber dem eindrucksvollen Ensemble mit Marine Sanchez Egasse, John O'Gara, Luigi Imperato, Jeongmin Kim, Bojan Micev, Barbara Minacori, Emelie Söderström und Emanuela Vurro, galten der anhaltende Beifall des Premierenpublikums.
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