„The Sacrifice“ von Dada Masilo

Eine Huldigung, kein Opfer

Dada Masilo eröffnet mit „The Sacrifice“ die Jubiläumssaison der Kampnagelfabrik in Hamburg

Seit 40 Jahren ist die frühere Maschinenfabrik eines der wichtigsten kulturellen Zentren der Hansestadt. Das Stück, mit dem die Spielzeit jetzt eröffnet wurde, passt perfekt zu der immer noch rauen Atmosphäre.

Hamburg, 08/10/2022

Wohl wenig Musikliteratur ist so vielfältig und unterschiedlich in Tanz umgesetzt worden wie Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Legendär die Version von Vaslav Nijinsky aus dem Jahr 1913, später dann die von Pina Bausch und ebenso die Hamburger Version von John Neumeier von 1975 sowie unzähliger anderer Choreografinnen und Choreografen. Das Thema in seiner Zeitlosigkeit und seinem archaischen Grundcharakter eignet sich nun mal hervorragend für die Umsetzung in Tanz.

Jetzt hat sich auch die südafrikanische Tänzerin und Choreografin Dada Masilo des Themas angenommen. Und sie macht das mit der ihr eigenen Souveränität, Klarheit und vor allem mit einer zwingenden Authentizität. Was auch daran liegt, dass sie nicht Strawinskys Musik gewählt hat, sondern eine eigene Combo aus drei afrikanischen Musikern (Keyboard, Bongos, Geige) und einer begnadeten, stimmgewaltigen Sängerin (Ann Masina). Und so wird aus dem Frühlingsopfer (das dennoch ein Opfer bleibt) vielmehr eine beeindruckende Huldigung an den Tanz, an das Leben, an Afrika und seine vielfältigen kulturellen Traditionen.

Dada Masilo lässt die Bühne dabei ganz leer, lediglich ein weißer Tanzteppich und eine weiße Fläche für Hintergrundprojektionen (das kahle Geäst eines Baumes, das sich im Lauf des 60-minütigen Stückes von einem unklaren Wirrwarr zu einer erkennbaren Baumkrone wandelt). Gleich zu Beginn wird deutlich, worum es geht: Sie selbst, am Kopf kahlrasiert und nur mit einem langen Rock bekleidet, bewegt sich ganz allein einmal diagonal über die Bühne, eine kleine, zarte Person, ebenso in sich versunken wie an den Kosmos hingegeben. Es ist ein meditativer Tanz zu eher atmosphärischen Klängen, ein Abschied aus der einen, ein Willkommensgruß an die andere Welt. Dada Masilo nimmt damit das Ende vorweg, und es ist keineswegs ein verzweifeltes Sich-Aufbäumen, sondern ein Sich-Fügen in das Unausweichliche. Sie findet dafür wunderbar passende Gesten, die sich geschmeidig aus ihrem Körper schälen, alles an ihr ist sprechende Bewegung.

Gleich danach kommt dann das volle diesseitige Leben auf die Bühne: sechs Tänzer und drei weitere Tänzerinnen – eine*r formidabler als die/der andere! – beleben das Bühnenviereck mit lebhaften Tanzrhythmen – mal wild und ungestüm, mal besinnlich-zart, mal alle gemeinsam, mal als Solo. Dabei gelingt es Dada Masilo, nie ins Folkloristische abzugleiten. Gekonnt wandelt sie die traditionellen in neue, kreative Tanzmuster, die immer wieder überraschen und den Blick weiten. Und so entsteht im Verlauf der einstündigen Aufführung ein Bild des Menschen in seiner Verbindung zu Natur um Umwelt. Das Opfer ist ein dem großen Ganzen geschuldetes, und wenn am Schluss Ann Masina mit ihrer Körperfülle die zarte, fast kindliche Dada Masilo auf ihrem letzten Gang begleitet, ist das ebenso tröstlich wie anklagend zugleich, es ist das ewige Thema, etwas Unausweichliches anzunehmen und Frieden damit zu schließen.

Mit dieser, wieder einmal so ganz anderen Version des „Sacre“ reiht sich Dada Masilo nahtlos ein in die anderen Großen ihrer Zunft. Chapeau!

 

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