„Our Planet Destiny“ von Li Chen

„Our Planet Destiny“ von Li Chen

Im Einklang mit der Natur?

Eröffnung des Festivals TANZAHOI in Hamburg

Mit einer Diskussion zum post-pandemischen Produzieren im digitalen Zeitalter und vier internationalen naturbezogenen Tanzfilmen startete das Tanzfilmfestival im Hamburger Metropolis-Kino.

Hamburg, 10/09/2022

Fast fühlt man sich zurückversetzt in pandemische Hochzeiten angesichts der Tanzfilme, die am Freitagabend bei der Eröffnung des Hamburger Festivals TANZAHOI gezeigt werden. Alle vier künstlerischen Beiträge sind auf unterschiedliche Weise in der Natur verortet, fernab von Menschenmassen und zirkulierenden Viren. Egal ob an der isländischen Küste, in den bayerischen Alpen oder der chinesischen Wüste, in allen vier Settings stellen die Filme einen starken Bezug der Tänzer*innen zur Natur her, sei es, um die Natur als Zufluchtsort, als bedrohte „Spezies“ oder als utopischen Traum zu codieren.

Vor allem merkt man den Filmen auch die Sorgen und den Kummer der Lockdown-Phasen, in denen viele Tanzfilmprojekte verwirklicht wurden, an. In „Fringe“ der Münchner Choreografin Jasmine Ellis folgt das Publikum zwei jungen Menschen, die im Wald campen und sich immer weiter voneinander und von sich selbst entfernen. Mit experimentellen Kamera- und Soundtechniken kreiert „Fringe“ ein bedrückendes Gefühl von krankhafter Halluzination.

Auf der einen Seite sehr assoziativ, andererseits aber sprachlich und ästhetisch auch wieder plakativ wandeln die vier Tänzer*innen in Samantha Shays „Melancholia“ durch pompös-herrschaftliche Säle und die raue felsige Küste Islands entlang. In einem meditativen Rhythmus, der stets in den Kitsch abzudriften droht, werden intime und schmerzhafte aber auch sich in der patriarchalen Welt selbstermächtigende Bilder aufgeworfen.

Im zweiten Teil des ersten Filmblocks lässt Peng Hsiao-yin die Protagonistin in „Formosan Blue Magpie“ über ihr Leben als Tänzerin, das stets zwischen Liebe zum und Stress durch den Tanz changiert, reflektieren. Auch in dieser Abhandlung hätte man sich ein wenig mehr Subtilität und Interpretationsraum gewünscht.

Zuletzt springen die Tänzer*innen in Li Chens „Our Planet Destiny“ im kargen Wüstensetting zu stark perkussiver Musik wild drehend durch die Luft, wirbeln mit archaischen Kicks, Schlägen und Stürzen den Sand auf und hinterlassen in prozessions- und ritualhaften Formationen Spuren im Sand. Im Hintergrund zeichnen sich die Schemen einer dreckigen Industriestadt ab, die in Kombination mit der kargen, lebensfeindlichen Landschaft und dem Titel des Films ein eindrucksvolles dystopisches Zukunftsbild unserer Erde aufwerfen.

Noch bis zum 18. September bietet das TANZAHOI-Festival eine Vielzahl internationaler Tanzfilme, digitaler Projekte und Workshops an. Wie auch in der Eröffnungsdiskussion am Freitag rahmt das Leitungsteam um Jasmine Fan und Doria Wörden die künstlerischen Beiträge mit Gesprächen zum postpandemischen Produzieren im digitalen Zeitalter.

Weitere Infos unter: https://www.tanzahoi.org

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