„Haus von Bernarda Alba“ von Trajal Harrell, Tanz: Ondrej Vidlar

Ein Dior-Modesalon für Trajal Harrell

Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble mit „Das Haus von Bernarda Alba“

Schweigen immensen Ausmaßes. Ein magischer Totentanz. Beeindruckend und rätselhaft.

Zürich, 10/09/2022

Als Vorbereitung für die Tanzpremiere ein Blick in das Drama von Federico García Lorca, entstanden 1936 im katholisch-faschistischen Spanien: Die herrische Witwe Bernarda Alba schottet ihre fünf heiratswilligen Töchter von der Gesellschaft ab. Nur die Älteste hat einen Verlobten, den aber auch die anderen Schwestern begehren. Die Jüngste verbindet sich heimlich mit ihm, wird verraten, bringt sich um. Bei der Beerdigung beteuert die Mutter, ihre Tochter sei als Jungfrau gestorben. „Ihr habt zu schweigen. Schweigen, habe ich gesagt, Schweigen.“

Auf der Bühne findet kaum etwas von dieser Handlung statt. Das war zu erwarten, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Während bei Lorca nur Frauen auf die Bühne kommen, sind es bei Harrell zehn Tänzer*innen, wobei der Genderstern seine besondere Bedeutung hat: Denn es treten junge Frauen und Männer, Frauenkleider tragende Männer und Personen unbestimmten Geschlechts auf. Einige Mitwirkende haben helle Haut, andere dunklere. So auch ihr Chef, der 1973 geborene Amerikaner Trajal Harrell. Für die Uraufführung „Das Haus von Bernarda Alba“ zeichnet er für sozusagen alles verantwortlich: Inszenierung und Choreografie, Kostüme, Bühnenbild-Konzept, Musikauswahl. Und tanzen tut er auch.

Rollenzuschreibungen gibt es keine. Allmählich kann man das Tanzgeschehen dann aber doch ein Stück weit auf Lorcas Drama beziehen. Stimmungsmäßig. Besonders am Anfang, wenn sich die Mitwirkenden einzeln präsentieren. Sie haben ihren je eigenen persönlichen Stil. Doch allesamt drücken ihre Auftritte ähnliche Gefühle aus: Trauer, Wut, Sehnsucht, verzweifelte Lust am eigenen Körper bei aller Verklemmtheit. Wie die fünf Bernarda-Alba-Schwestern bei Lorca! Auch Trajal Harrell, in schlauchartigem schwarzem Frauenkleid, hat einen eindrücklichen, weit ausholenden Soloauftritt. Soll er an die streng dominierende Mutter erinnern? Oder an den Tod?

Die Musik zu dieser ersten Vorstellungsrunde ist von bitterer Süße: Fado der Portugiesin Lula Pena. Magisch. Später wird der Soundtrack kontrastreicher und dissonanter. Die Tanzenden vereinen sich vorübergehend zu Paaren, lösen sich wieder voneinander. Nach einem wechselvollen Mittelteil treten am Ende alle im Gänsemarsch auf: in seltsam arrangierte schwarze Gewänder gehüllt, geflochtene Hosengürtel zu Frisuren arrangiert, die inzwischen weiß geschminkten Gesichter zu Fratzen verzerrt. Ein Totentanz.

Im erwähnten Mittelteil versetzt uns Harrell in zwei weitere, absolut gegensätzliche Gesellschaftskreise. Da ist einerseits die Pariser Modeschau-Szene aus glorreicher Vergangenheit, anderseits die marginalisierte queere Subkultur in den Vogueing-Ballrooms in New York. Vogueing? Ein Lebens- und Tanzstil, der im Programmheft so erklärt wird: „Vogueing ist in den 1960er Jahren in den afro- und lateinamerikanischen Schwulen- und Trans*-Gemeinschaften in New York City entstanden. Die marginalisierten Gemeinschaften, die von den weißen heteronormativen Kulturen ausgestoßen wurden, schufen ihre eigenen sicheren Räume und sogenannte <balls>, auf denen sie ihre queeren Identitäten feierten.“

Das Bühnenbild, aufgebaut von Erik Flatmo, bleibt bei allen Schauplätzen unverändert. Ein Salon, wie ihn Dior um 1950 für seine Modeschauen wählte; Wände, Türen, Ausstattung in klassizistischen Stil. Ein Laufsteg fehlt, die Models präsentieren sich in der Mitte des Raums, während die Zuschauenden, 99 an der Zahl, entlang der vier Wände sitzen. Dieser kunstvoll-künstliche Saal wurde nicht auf, sondern neben der normalen Schauspielbühne errichtet und wird nur über Hintertreppen erreicht.

Das Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble scheint eine recht verschworene Gemeinschaft zu sein. Die Tänzer*innen, barfuß oder in Socken, bewegen sich fantasievoll bis verrückt; so engagiert sie sind, brauchen sie gelegentlich wohl auch ein bisschen Selbstverleugnung. In die individuell geprägten Bewegungen der Eingangsszene mischen sich später im Stück affektiert eingesetzte Schritte und Posen der Modewelt einerseits, groteske Vogueing-Aufritte anderseits. Das Ende mit den weiß geschminkten Gesichtern und den verzerrten Körperteilen erinnert dagegen an den heute halb vergessenen Butoh-Tanz japanischen Ursprungs.

Ein beeindruckendes, wenn auch streckenweise rätselvolles Stück. Ohne Erklärungen von außen ist dieses „Haus von Bernarda Alba“ kaum zu verstehen, zumindest nicht in den Einzelheiten. Aber die Präsenz der Mitwirkenden ist großartig, man kann sie nur bewundern.
 

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