São Paulo Dance Company zum Auftakt des Movimentos Festivals
São Paulo Dance Company zum Auftakt des Movimentos Festivals

Eingeheizt in neuer Movimentos-Spielstätte

São Paulo Dance Company eröffnet das 17. Tanzfestival in Wolfsburg

Geschwindigkeit ist Thema der Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Festivals. Die São Paulo Dance Company heizt mit brasilianischem Temperament ein und präsentiert Stücke, die eins gemeinsam haben: sie sind technisch brillant getanzt.

Wolfsburg, 21/07/2019

In der rekordverdächtigen Bauzeit von einem halben Jahr hat die Autostadt ihre neue Halle Hafen 1 errichtet und dem renommierten Tanzfestival Movimentos damit eine neue Heimat gegeben – in Sichtweite des alten Spielortes im Kraftwerk, das Volkswagen derzeit auf umweltschonende Gasturbine umrüstet. Geschwindigkeit ist auch das Thema der Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen 17. Festivals. Die São Paulo Dance Company heizt mit brasilianischem Temperament ein und präsentiert dem tanzverwöhnten Publikum in Wolfsburg drei völlig unterschiedliche Stücke, die eins gemeinsam haben: sie sind technisch brillant getanzt.

Der Abend beginnt nicht nur mit dem längsten Stück, sondern auch mit dem schwierigsten. „Trick Cell Play“ zeigt eine Movimentos-Auftragsarbeit des Kanadiers Édouard Lock. Der ist bekannt dafür, mit seinen Choreografien die ausführenden TänzerInnen an ihre körperlichen Grenzen zu treiben. Das in Wolfsburg uraufgeführte Werk bezieht sich auf das 2018 abgebrannte Nationalmuseum von Rio de Janeiro und den Verlust von Kultur. Rasant wechselnde Lichtspots auf der ansonsten beinahe bis zur Unkenntlichkeit dunklen Bühne definieren den Bewegungsraum der Tänzerinnen und Tänzer. Rasend schnell wechseln sie ihre Körperhaltungen und Positionen, bewegen sich zuckend und hektisch wie Marionetten im Zeitraffer. Mit großer Präzision bewältigen sie das Wahnsinnstempo, dem das Auge mitunter kaum folgen kann: Bemerkenswert, weil eher unüblich für zeitgenössischen Tanz, kommen hier auch Spitzenschuhe zum Einsatz.

Blitzartig tauchen die Lichtkegel auf und verschwinden wieder, werden größer oder kleiner. Im Dämmerlicht der Bühne geben sie den Blick frei auf den rasenden Stillstand der Company. Einzeln, zu zweit oder in kleinen Gruppen arrangieren sich die Tänzer auf kleinstem Raum immer wieder neu und arbeiten sich über 50 Minuten zu live im Bühnenhintergrund gespielten Klassikhits ab. Doch ein derartiger Tonus allein trägt nicht als Idee, zur Spannung gehören Wechsel und Abwechslung, weshalb Locks gleichwohl hochambitioniertes Werk von den ZuschauerInnen nicht zum Highlight des Abends gekürt wird.

Dieser Titel gebührt „Gnawa“, einem mystischen Werk über die gleichnamige marokkanische Bruderschaft und die vier Elemente Feuer, Wasser, Licht und Erde. Raumgreifend, wiegend und in immer neuen Bewegungsbildern zeigt die emotionale Choreografie des Spaniers Nacho Duato ein buntes Repertoire an Sprüngen, Hebefiguren und Elementen ritueller Tänze. Die Tänzer rollen auf dem Boden umeinander, heben sich auf, umtanzen sich mal paarweise, mal als Gruppe. Kraftvoll stampfende Formationen wechseln mit leicht fließenden. Die gefällige aber nicht oberflächliche Darbietung berührt und reißt das begeisterte Publikum zu Jubelstürmen hin.

Auch der dritte Teil ist leichter verdaulich. „Agora“ heißt die Europapremiere. Das portugiesische Wort für „Jetzt“ hat die junge brasilianische Choreografin Cassi Abranches zu einem Stück über die Zeit inspiriert. Zum Tick-Tack eines Uhrschlagwerkes wiegen sich die Tänzer hin und her wie kleine Pendel, bis einer nach dem anderen aus der starren Anordnung ausbricht und zum exzessiven Mix aus afrobrasilianischen Percussionklängen, Rock- und Popsound brasilianische Tanzbegeisterung vermittelt. Wie an der Schnur gezogen schreiten, springen und rennen sie kreuz und quer über die Bühne, vorwärts und rückwärts. Die einzige Karambolage überspielt der Gefallene dabei so elegant mit einer Rückwärtsrolle, dass man meinen könnte, der Sturz gehöre zur Choreografie.

Auf ruhigere Sequenzen mit lasziven Hüftschwüngen und sinnlichen Pas de deux folgen gewagte Sprünge. Mit Anlauf werfen sich Frauen die Füße voran in die Arme des Partners. Alles wirkt geschmeidig, was die warme Ausleuchtung und die Kostüme in Sand- und Erdtönen noch unterstreichen. Am Ende erstarrt die geballte Lebensfreude wieder im gleichförmigen Schwanken zum Takt des Metronoms, das den Tänzern ihr Tempo vorgibt. Jeder steht erneut an seinem vorherbestimmten Platz, gefangen im Korsett der Zeit.
 

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