30 Jahre Tanzwochen Neuss: Atemberaubende Körperwelten

Die Internationalen Tanzwochen gehen mit einem Feuerwerk tänzerischer Finessen von „Hubbard Street 2“ in ihre 31. Saison

Zu Gast war aus Chicago die Junior-Company von Hubbard Street Dance und zeigte sich ganz auf der Linie der 36-jährigen Tradition dieser einstigen Hinterhoftruppe - spritzig, unverstellt, technisch auf Weltklasseniveau.

Neuss, 07/11/2013

Vor 30 Jahren, als es in Deutschland vor Tanzfestivals förmlich wimmelte, veredelte die rheinische Stadt Neuss das vielfältige Programm ihrer brandneuen Stadthalle - mit pompösem Hotel sehr malerisch in einer Grünanlage gelegen - mit Internationalen Tanzwochen. Das Angebot von einer Handvoll internationaler Gastspiele zwischen November und März war derart anspruchsvoll, dass Skeptiker der Reihe nur eine kurze Überlebenschance gaben - zumal ein derart multifunktionaler Veranstaltungsort ja eher bescheidene Bühnenmöglichkeiten und ein denkbar ungünstiges, ebenes Parkett bietet. Weit gefehlt. Gestern gingen die Internationalen Tanzwochen Neuss im ausverkauften Haus in ihre 31. Saison.

Zu Gast war aus Chicago die Junior-Company von Hubbard Street Dance und zeigte sich ganz auf der Linie der 36-jährigen Tradition dieser einstigen Hinterhoftruppe - spritzig, unverstellt, technisch auf Weltklasseniveau und von den berühmtesten zeitgenössischen Choreografen unterstützt. Schon mehrfach auch in Neuss gefeiert, präsentierte Hubbard Street 2 eine neuere Arbeit von Mats Ek, „Casi-Casa“. Es ist ein Gelegenheitswerkchen, das Ek 2009 aus zwei früheren Stücken mit einem neuem Teil für Danza Contemporánea de Cuba kreierte. Szenen aus dem Alltag - ein typischer Ek, seine Handschrift unverkennbar: Ein Mann lümmelt auf dem Liegestuhl - bis ihn die Frau aus dem Haus jagt, Geld verdienen zu gehen. Dann wird gewienert, gekocht und gebraten, Menschen hasten, streiten, lieben einander - alles recht hübsch, aber ohne Eks oft so bezwingende Stringenz oder charmante Hintergründigkeit.

Die Patina wird vor allem sichtbar nach den fulminanten Auftaktchoreografien von der ehemaligen Hubbard Street-Tänzerin Robyn Mineko Williams und dem Hauschoreografen Alejandro Cerrudo. Einmal mehr überrascht in diesen kurzen abstrakten Duetten, Solos und Ensembles der zeitgenössische Tanz mit immer wieder neuen Finessen. Die Artistik, Wendigkeit, Präzision und Eleganz der jungen Tänzer ist atemraubend. Machte schon die ganze Truppe von elf Tänzerinnen und Tänzern staunen in den Nebelschwaden von Williams' „Fluence“, so fasziniert die Körperkunst in dem Duett für zwei Tänzerinnen „Cloudless“ von Cerruda erst recht - und wird trotzdem fast noch getoppt von den Solos dreier - fast nackter - gertenschlanker Muskelprotze in dessen „Pacopepepluto“ - als wolle man Hans van Manens „Solo“ für drei Tänzer oder dem unerschöpflichen Bewegungsreichtum Martin Schläpfers Paroli bieten...

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