Durch Liebe zur Unsterblichkeit

John Neumeiers „Die kleine Meerjungfrau“ bei den Hamburger Balletttagen

Hamburg, 24/06/2012

Wie lässt man einen Dichter tanzen? Wenn Gustav von Aschenbach im „Tod in Venedig“ noch zum Choreografen umgeschult wurde, so lässt John Neumeier hier Lloyd Riggins in der Rolle des Hans Christian Andersen tatsächlich als Schriftsteller auftreten, mit Notizbuch und einem überdimensionalen Papier zu Beginn, auf dem der Anfang der Erzählung „Die kleine Meerjungfrau“ zu lesen ist. Neumeier, der vielschichtige Erzählungen liebt, fügt der eigentlich recht einfachen Geschichte der Meerjungfrau, die aus Liebe zum Menschen wird und dennoch von ihrem Geliebten verschmäht wird, die Figur des Autors hinzu, der das Werk aus Trauer über die Vermählung eines leidenschaftlich geliebten Freundes schrieb. Dies gab dem Choreografen nicht nur Anlass zu einer ganz besonderen Hommage an den Schriftsteller (er schuf das Stück 2005 für das Königlich Dänische Ballett anlässlich Andersens 200. Geburtsjahres), sondern es erlaubte ihm auch, das Geschehen mit der ihn stets beschäftigenden Frage der Beziehung des Künstlers zu seiner Kreation zu verweben.

So findet das Ballett in drei Welten statt: in der des Dichters, dessen Erinnerung an den verlorenen Freund den Schreibprozess auslöst, am Meeresgrund und zu Lande. Erstaunlich ist dabei, dass trotz der häufigen Wechsel von einer zur anderen Ebene und trotz der oftmals kaum merklichen Übergänge alle Welten vollkommen verständlich dargestellt sind - vorausgesetzt, man weiß, dass es sich bei der Figur im schwarzen Zylinder um Andersen selbst handelt. Diese Lesbarkeit ist nicht zuletzt Neumeiers eigenem minimalistischen, sehr effektiven Bühnenbild zu verdanken: Geschwungene Lichtlinien deuten Wellen an, die sich heben und senken, um zu veranschaulichen, ob sich das Geschehen über oder unter Wasser abspielt. Einige Requisiten - hoch oben über den Wellen vorbeifahrende oder bei Sturm sinkende Schiffe, ein gigantischer Bug, eine Schiffsreling, eine klaustrophobische Kabine - komplettieren die Ausstattung, die immer viel Raum für die Bewegung und die Phantasie lässt.

Die Musik, eine Auftragskomposition von Lera Auerbach, ist variiert wie die verschiedenen Facetten der Handlung und betont die mystisch irrealle Seite der Geschichte. Oftmals scheint es, als spiegele sie nicht das äußere Geschehen, sondern die innere Handlung aus Sicht der Meerjungfrau wider: so beispielsweise, wenn beim Tanz des Brautpaares trotz der allgemeinen Fröhlichkeit dissonante Klänge dominieren. In den Unterwassersequenzen glaubt man den Gesang von Meerestieren zu hören.

Wie lässt man einen Fischschwanz tanzen? Die Aufgabe, ein Wesen choreografisch darzustellen, das zunächst keine Beine hat und sich dann der seltsamen Fortbewegungsinstrumente nicht zu bedienen weiß, fordert John Neumeier zu einer Fülle an choreografischen Erfindungen heraus, die selbst in seinem Werk kaum ihresgleichen findet. Die beeindruckende Entwicklung der Titelfigur im Laufe des zweieinhalbstündigen Ballettes wird durch zahlreiche stilistische Variationen veranschaulicht. Die unter Wasser mit höchster frohlockender Grazie agierende Meerjungfrau, die zunächst mit dem schwimmenden Prinzen (Tiit Helimets als Gast aus dem San Francisco Ballet) spielt wie mit einer schönen gefundenen Muschel, leidet bei ihrer Ankunft auf der Erde zunächst körperliche, dann seelische Höllenqualen. Ihre Arme, die im Wasser niemals stillzustehen scheinen und stets ondulieren wie von der Strömung bewegte Pflanzen oder flink schlagende Flossen schwimmender Fische, sind an Land zunächst eckig abgeknickt und hängen herunter wie gebrochene Flügel (bei der Hochzeit ihres Geliebten sinkt sie zusammen wie Fokines „Sterbender Schwan“). Ihr leuchtender, an Kabuki-Theater erinnernder Fischschwanz aus weiten blauen Stoffbahnen, den sie im Wasser mühelos ausbreitet und mit Hilfe mehrerer Träger bewegt, weicht Beinen, die bei jeder Berührung mit der Erde grausam schmerzen und die oft ungelenk einwärts gedreht sind, so dass der Prinz sie nach einem ersten Pas de deux am Strand, in dem sie sich schon am Ziel ihrer Sehnsucht glaubt, erst einmal in einen Rollstuhl verfrachtet. Im wahrsten Sinne des Wortes nicht in ihrem Element, kann die staksige Meerjungfrau der aus feinstem Kreise stammenden, bonbonrosa gekleideten Prinzessin (Sarah Van Patten als Gast aus dem San Francisco Ballet) nichts entgegensetzen - die Gegenüberstellung der höchst femininen Braut und der androgynen Meerjungfrau verstärkt die Parallele zum Leiden des Dichters. Bezeichnenderweise wählt das Meerwesen als erste menschliche Bekleidung einen Matrosenanzug (zur höchsten Belustigung des Prinzen-Kapitäns und seiner Mannschaft), was sowohl eine sozial untergeordnete Stellung als auch mangelnde Weiblichkeit impliziert. So scheint der verehrte Prinz sie nie - oder nur einen Augenblick lang ganz zum Schluss - als mögliche Geliebte wahrzunehmen und bleibt seltsam blind für die Tiefe ihrer Leidenschaft, die ihr doch stets unverhohlen ins Gesicht geschrieben steht.

Neumeier charakterisiert die Rolle der Meerjungfrau in ihren unterschiedlichsten Facetten so klar, dass es nicht einmal Yuan Yuan Tans höchst ausdrucksvoller Mimik bedürfte, um jede Seelenregung der Figur zu veranschaulichen. Doch hat die Rolle mit der Solistin des San Francisco Ballet eine ideale Interpretin gefunden: Von Anfang an wirkt die schmale, ungewöhnlich biegsame Tänzerin mit den endlos langen, expressiven Armen tatsächlich wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Faszinierend im ersten Teil, erhebt sie sich bei ihrem Scheitern in der menschlichen Gesellschaft in berührende tragische Höhen: ihr letztes verzweifeltes Solo, nachdem der Prinz sich mit seiner irdischen Gattin entfernt hat, ist von einer kaum mehr „ballettmäßigen“ emotionalen Nacktheit. Wie reizvoll muss es für Neumeier gewesen sein, die völlige seelische Erschütterung eines reinen, übernatürlichen Wesens darzustellen, das in seiner bedingungslosen, aufopfernden Hingabe viel weiter geht als ein von Konventionen und Stolz gestützter Erdenmensch!

Auf ihrer seelischen Höhe bewegt sich nur Lloyd Riggins als einsamer Dichter, der nicht etwa mit dem Stift in der Hand das Geschehen kunstvoll skizziert (was höchst untänzerisch wäre), sondern in jedem Moment mit seinen Kreationen lebt und in das Geschehen eingreift. So imitiert er beispielsweise die tanzenden Matrosen, wird beim Anblick des Schiffes seekrank, fürchtet sich vor dem furiosen Meerhexer (Gavit Karapetyan als Gast aus dem San Francisco Ballet) und versucht vergeblich, die Meerjungfrau vor allzu großem Leiden zu bewahren - als sei er nicht der Schöpfer, sondern ein hilfloser Beobachter des Geschehens. Man staunt hier einmal mehr über die mimische Bandbreite und die Expressivität dieses Tänzers, der seine Emotionen so unvermittelt zeigt wie seine Meerjungfrau oder die Kinder, für die Andersen schrieb. Schließlich finden Dichter und Schöpfung, inzwischen fast zu einer Figur verschmolzen, Erlösung in einer eindrucksvollen Apotheose, in der beide in den Sternenhimmel der Unsterblichkeit aufsteigen.

Besuchte Vorstellung: 22.6.12

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