„Die Kameliendame“

Ein Zeitalter, eine Stadt, eine Kompanie und ein Publikum im Tanzrausch

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Stuttgart, 22/06/2011

Kurz vor Ende der 50. Jubiläumssaison nochmals eine Sternstunde des Stuttgarter Balletts: „Die Kameliendame“ (die wievielte Vorstellung eigentlich seit der Premiere vor dreiunddreißig Jahren?). Und man hatte den Eindruck, dass sie alle zusahen – aus ihren olympischen Höhen Alexandre Dumas d. J., Frédéric Chopin und John Cranko, dann alle, die damals dabei waren – John Neumeier aus Hamburg und Jürgen Rose aus München, samt den damaligen Stars Marcia und Egon, Birgit und Ricky inklusive Reid – und nicht zuletzt die nicht nur zusehenden, sondern quicklebendigen Étoiles dieses Abends, Maria Eichwald und Friedemann Vogel, Nikolay Godunov nebst Anna Osadcenko und Evan McKie, sie alle neben ihren zwei Dutzend Stuttgarter Kollegen in Topform, und unten im Orchester unsere Staatsorchestralen, samt ihrem Dirigenten Wolfgang Heinz und den Terzett der Pianisten Alexander Reitenbach, David Diamond und Glenn Prince. Welch eine Versammlung der Eminenzen des weltberühmten Markenzeichens Stuttgarter Ballett!

Eine Vorstellung, die uns wieder einmal bewusstwerden ließ, wie glücksbegünstigt wir doch sind, in einer Stadt zu leben, die eine solche Kompanie ihr eigen nennt! Mit solchen Superstars und einem solchen Ballett, das anknüpft an die große, auf Noverre zurückgehende lokale Tradition des Ballet d‘action – zweieinhalb Jahrhunderte alt und doch wie neugeboren, wenn die Robe der Protagonistin als roter Faden durch die drei Akte dieser Versteigerung wandert wie gerade in diesen Tagen das Kleid von Marilyn Monroe aus „Manche mögen‘s heiß“ im fernen Hollywood. Oder wenn Friedemann Vogel nachdenklich in dem Erinnerungsband blättert, den er wie ein Notizbuch in der Hand hält. Ja, so wünschen wir uns unser Theater anno 2011! Drei Stunden Tanzrausch! Die beiden Protagonisten von ihrer Liebe aus anfänglichem Zögern, da sie einander noch nicht zu berühren wagen und die Luft zwischen ihren Händen wie elektrizitätsgeladen bebt, in den Himmel ihres Paradieses katapultiert und dann doch in das Bewusstsein ihres unabwendbaren Endes abgestürzt. Die Tänzer als tanzende Akteure, wie Noverre sie erträumte, ohne umständliches pantomimisches Gehabe, ihre Seelen und ihre Befindlichkeit in reinen Tanz verwandelt, klanggeboren aus der fußsohlenkitzelnden Musik des Monsieurs aus Warschau-Paris. Die Seine-Metropole des „Giselle“-Dezenniums, beschworen, mit dem Rückblick auf das Ancien Regime in den Vorstellungs- und Visioneinblendungen des „Manon Lescaut“-Balletts von Aumer und Halévy aus dem Jahr 1831. Sollte es wirklich eine Fiktion gewesen sein, dass wir gestern Abend Marie Taglioni, Lucien Petipa und August Bournonville im Stuttgarter Großen Haus am Eckensee gesehen haben?

 

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