Mehr grau als schwarz

Nachgeholt: Terence Kohlers „Série Noire“ beim Bayerischen Staatsballett

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München, 02/10/2010

Siebente Vorstellung der am 22. Juni im Münchner Prinzregententheater vom Bayerischen Staatsballett uraufgeführten „Série Noire“ von Terence Kohler, seit voriger Spielzeit residenter Choreograf der Kompanie – mit dem Untertitel „ein choreografischer Krimi“ (siehe Malve Gradinger im tanznetz vom 24.06.2010). Die Premiere kollidierte mit den Hamburger Ballett-Tagen – so konnte ich nicht dabei sein. An diesem Oktoberfest-Samstag die vorerst letzte Vorstellung der Wiederaufnahme nach den Ferien. Allenfalls ein halbvolles Haus. Mäßiger Beifall.

Hehre Versprechungen im Programmheft: Terence Kohler als Agatha Christie des Balletts – oder doch mehr Edgar Wallace? Ich gestehe, nicht viel Ahnung vom Krimi-Genre zu haben – und was die „Série noire“ betrifft, die schwarzen Filme solcher französischer Regisseure wie Henri Clouzot und Jean-Pierre Melville, sieht es bei mir nicht viel besser aus. Etwas besser kenne ich mich bei Alfred Hitchcock und seinen amerikanischen Thrillern aus. Erwartet hatte ich auf jeden Fall einen spannenden Theaterabend mit vielen Rätseln. Das hatten für das Ballett bisher Roland Petit mit „La Chambre“ und – sehr viel erfolgreicher – Béjart mit „Le Concours“ versucht.

Rätsel gab es zwar zuhauf in diesem getanzten Krimi – Spannung aber überhaupt nicht. So zäh zogen sich die hundert Minuten der Vorstellung hin, dass ich mich immer wieder fragte, warum die Horden von Tänzern auf der Bühne so unsinnig viel (und noch dazu so gut) tanzen – wer denn nun wer war, und warum die Darsteller, ständig wild gestikulierend und mit dem Armen herumfuchtelnd und dazu die heftigsten Grimassen schnitten, und worüber sie so zickig stritten, wenn sie denn schon dreimal sterben mussten (aber sind sie überhaupt gestorben?).

Im Programmheft lese ich dazu, dass sie wie bei der Echternachter Springprozession hin und her zwischen den Zeitaltern voltigieren, mal in der Gegenwart, dann wieder zurück beim zaristischen Kronprinzen Nicki und der Assoluta Matilde in St. Petersburg – und zwischendurch im Paris Lifarienne post-Isadorisch und prä-Yvette-ish. Auch habe ich nicht verstanden, woran sie denn gestorben sein sollen – an Alkoholismus, an Eifersucht, an Mord? Ich weiß allerdings, dass mich die Musik von Philip Glass schrecklich genervt hat – ohne mich doch je in jenes Drogenstadium zu versetzen, in dem die Logik des Geschehens suspendiert wird. Und choreografiert hat Kohler das alles in bester Münchner Wiesn-Gaudi, dass ich die Tänzer bedauert habe: soviel tänzerischen Unsinn fabrizieren zu müssen! Keine Frage: ich halte den sechsundzwanzigjährigen Twen aus Australien für den vielleicht einfallsreichsten Jungspunt unter den Choreographen der Demis-Volpi- und Louis-Stiens-Generation. Aber vielleicht sollte ihm jemand mal raten: Schlag nach bei Balanchine! Vor allem bei dem, was er zu seinem choreografischen Erweckungserlebnis bei seiner Arbeit am „Apollon musagète“ zu sagen hat: Junge, die Hälfte tut‘s auch!

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