Die Ausnahmetänzerin

Morgen auf Arte: „Sylvie Guillem – Tanz auf dem Vulkan“

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Stuttgart, 07/02/2010

Sie ist wahrlich ein Phänomen, diese Sylvie Guillem! Ballerina? Na ja – allerdings kaum in der Nachfolge der Pawlowa, Fonteyn, Plissetzkaja und wie sie alle heißen, die Ballett-Ikonen des 20. Jahrhunderts. Als „Sterbenden Schwan“ kann man sie sich jedenfalls kaum vorstellen, obgleich der ihr gewidmete knapp anderthalbstündige Film „Sylvie Guillem – Tanz auf dem Vulkan“, den Arte morgen, Montag, um 21.50 Uhr, sendet, sie zunächst, mit Nicolas le Riche als Partner, in „Schwanensee“ vorstellt. Aber da gibt es bereits ein paar störende Einblendungen, die andeuten, dass sie, bei höchster Konzentration auf ihre Rolle und deren klassische Choreografie, mit ihren Gedanken bereits in ganz anderen Natur- und Seelenlandschaften weilt. Und tatsächlich hat sie sich ja, von Rudolf Nurejew nachdrücklich gefördert und bereits als Neunzehnjährige als neu entdeckter „Etoile“ am Pariser Balletthimmel gefeiert, frühzeitig vom klassischen Ballett verabschiedet – nicht allerdings, ohne zuvor dessen ganzen Repertoirebereich zwischen Giselle und Raymonda ausgelotet zu haben.

Dies ist ihr Film, und sie ist dessen Autorin, und die beiden französischen Filmfrauen, die sie auf ihren Expeditionen jahrelang durch die halbe Welt begleitet haben, zwischen Paris und Tokyo, nach Venedig und London und Quebec – mit ständigen Abstechern in die freie Natur, und zwar da, wo sie am wildesten wuchert –, sind ihr mit ihrer Kamera bis in die geheimsten Winkel der Probensäle, Garderoben, Ateliers und Studios gefolgt und haben ihre Arbeit dokumentiert – mit ein paar der kreativsten Persönlichkeiten des Welttheaters: dem Bangladeschi Akram Khan, dem englischen Tänzer und Choreografen Russell Maliphant und dem kanadischen Theaterregisseur Robert Lepage. Und so zeigt der Film Proben zu und größere Ausschnitte aus ihren gemeinsamen Arbeiten: „Sacred Monsters“ (Khan), „Push“ (Maliphant) – aber auch aus Béjarts „Bolero“ – und vor allem aus dem enigmatisch anmutenden „Eonnagata“ (Lepage) über den zwiegeschlechtlichen Chevalier d‘Èon als Verschmelzung einer französischen Ritterlegende und dem japanischen Kabuki.

Zustande gekommen ist so ein ganz und gar außergewöhnlicher Film über eine ganz und gar außergewöhnliche Tänzerin, die sich ständig jenseits der konventionellen Gattungsgrenzen bewegt, eine Pionierin zwischen grenzenloser Neugierde und geradezu todesfürchtiger Angst vor dem Scheitern, die doch gleich am Anfang bekennt, dass ihre Grundnatur die einer Müßiggängerin ist – einer Müßiggängerin freilich, die das Staunen nicht verlernt hat angesichts dessen, was sich hinter jeder geöffneten Tür verbirgt. Der Film mit dem dreifachen Titel „On the Edge“, „Sur le fil“ und „Tanz auf dem Vulkan“ ist als DVD auf Deutsche Grammophon erhältlich.

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