„Es ist wie nach Hause kommen“

Interview mit Anna Polikarpova, Erste Solistin des Balletts Hamburg, nach ihrer Babypause

Hamburg, 19/05/2009

Nach anderthalbjähriger Auszeit ist Anna Polikarpova, Erste Solistin des Hamburg Ballett, wieder auf die Bühne zurückgekehrt. Am 19. Mai tanzt sie in der Jubiläumsvorstellung von „Nijinsky“, die anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Ballets Russes und der Eröffnung der Ausstellung „Das Auge Nijinsky“ gegeben wird, die Rolle der Romola Nijinska, die John Neumeier für sie kreiert hat. Im Gespräch mit Annette Bopp erzählt die 39-Jährige, was ihr diese Rolle bedeutet.

Sie sind jetzt nach einem Jahr Babypause wieder zurück auf der Bühne. Wie fühlt sich das an?

Anna Polikarpova: Ich bin so glücklich, nach einem Jahr ohne Bewegung wieder trainieren zu können! Es ist wie eine neue Welle, die mich trägt, irgendwie anders als vorher, ich kann es kaum beschreiben. Ich habe mich mein ganzes Leben lang, seit ich 10 Jahre alt bin, extrem viel bewegt – in der Schule, dann am Mariinsky-Theater in St. Petersburg, dann bei John Neumeier. Ich habe nur in den Ferien aufgehört oder bei Verletzungen. Aber ein Jahr Pause – das ist wirklich etwas ganz anderes.

Wie ist das, nach so langer Zeit wieder zu tanzen?

Anna Polikarpova: Der erste Tag, als ich wieder anfing zu trainieren, war sehr seltsam. Ich dachte, es ist so, als würde ich gar nichts fühlen – das Muskelgedächtnis ist noch da, die machen alles von selbst, aber ich habe da gestanden und nicht richtig etwas gefühlt und dachte nur: bin ich das jetzt, sind das jetzt wirklich meine Beine, meine Arme, meine Muskeln? Das war ein sehr seltsames Gefühl. Aber so nach und nach kommt alles zurück und ich habe mich wieder gefunden. Es ist einfach so schön, wieder hier zu sein.

Wann war dieser erste Tag?

Anna Polikarpova: Seit 1. April 2009. Das ist übrigens auch in Russland ein Tag, wo jeder jeden veralbert. Das war lustig!

Dann sind Sie sehr schnell wieder zurückgekommen?

Anna Polikarpova: Ja – André ist am 18. Dezember geboren worden, aber ich bin die zweite Besetzung für die neue Kreation, die John Neumeier gerade erarbeitet, da musste ich schon jetzt wieder da sein, sonst hätte ich das nicht geschafft. Es war eigentlich geplant, dass ich es etwas langsamer angehen lassen kann, aber ich bin im März noch einmal krank gewesen, deshalb konnte ich dann doch erst im April beginnen. Das hat auch seine Vorteile – so geht es jetzt eben etwas flotter! Ich habe André jetzt auch abgestillt nach vier Monaten, das gibt dann auch wieder etwas mehr Freiheit.

Was bedeutet die Rolle der Romola in „Nijinsky“ für Sie?

Anna Polikarpova: John hat sie 2000 für mich kreiert, und ich denke es ist wirklich meine Rolle. Als ich wieder anfing, daran zu arbeiten, war das wie nach Hause kommen. Alles war wieder da – das Gefühl dafür, alles. Es gibt eine direkte Verbindung zu Nijinsky – und zu mir. Ich war an der Waganowa-Akademie, dort, wo er auch trainiert hat. Er hat im Mariinsky getanzt, ich auch. Irgendwie ist er dort immer noch, seine Präsenz ist immer noch spürbar. Das bedeutet mir sehr viel. 

Wie empfinden Sie das, was ist das konkret, was Ihnen da viel bedeutet?

Anna Polikarpova: Ich fühle mich der Geschichte insgesamt so nah. Es fühlt sich an, als sei ich Teil dieser Geschichte. Eben weil ich dort auch meine Wurzeln habe, meine Lehrerin, Ninel Kurgapkina, war eine Schülerin von Waganowa. Sie ist vor kurzem erst gestorben. Und Waganowa war zusammen mit Nijinsky, sie hat mit ihm gesprochen! Das ist wie eine Kette, die sich fortsetzt bis heute hierher nach Hamburg, zu John, zu mir. Das ist total spannend!

Romola ist ja eine sehr spezielle Person, sehr doppeldeutig, sie hat zwei Gesichter, wie fühlen Sie das, wie erleben Sie diese Mehrschichtigkeit ihres Charakters?

Anna Polikarpova: Ich denke, sie hatte es nicht leicht im Leben. Nijinsky war sicher ein sehr großer Künstler, aber wie war er zuhause? Er war vermutlich ein liebevoller Vater, aber er war auch krank, er war sicher ein schwieriger Mensch, unberechenbar. Sie wusste vermutlich nie, woran sie mit ihm war, wenn sie zusammen waren, und es ist gut möglich, dass er sie auch geschlagen hat. Er war einfach krank, er war dann nicht bei sich. Das war sicher schwer für sie. Sie hat ihr Bestes versucht, aber in der Situation selbst – es ging ums Überleben! Sie hatte eine große Verantwortung, weil Nijinsky selbst sie aufgrund seiner Krankheit nicht mehr tragen konnte. Und er war so berühmt. Das muss wirklich schwierig gewesen sein.

Glauben Sie, dass sie ihn wirklich geliebt hat?

Anna Polikarpova: Das ist schwer zu sagen. Doch, ich glaube schon. Ich glaube, sie hat sich sofort in ihn verliebt, als sie ihn auf der Bühne tanzen sah. Aber vielleicht verliebte sie sich in dieses Bild, das sie da von ihm sah. Und als sie sich dann tatsächlich begegneten, schob sich dieses Bild immer wieder vor ihre Augen – das ist dieser fantastische Pas de trois in John Neumeiers Werk. Und später – es kann gut sein, dass sich diese Liebe auch in Hass verwandelte, weil er so unberechenbar war, weil er privat so ganz anders war als auf der Bühne, ein anderer Mensch. Ich weiß es nicht...

Aber sie musste doch auch gewusst haben, dass Diaghilew und er ein Paar waren.

Anna Polikarpova: Sie wollte das nicht glauben. Homosexualität war in dieser Zeit ja ein absolutes Tabu. Und ich glaube, sie gehörte zu dem Schlag von Frauen, die tun, was sie wollen, und wenn sie etwas wollen, dann tun sie es auch. Ganz egal, was es ist. Sie war sicher eine richtig starke Frau. Sie war sehr durchsetzungsfähig. Diese Situation umzudrehen und für sich zu entscheiden, zu erreichen, dass Nijinsky sie heiratete, das war schon eine beachtliche Leistung! Denn Diaghilew war ja ein großer, mächtiger Mann, der stellte etwas dar. Aber sie legte sich nicht mit ihm an, sie war sehr smart, sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie drehte das alles so hin, dass alles in ihrem Sinne lief. Und ich glaube, es ist sehr, sehr hart, so zu leben. Sie ist ein sehr hohes Risiko eingegangen. Und sie hatte ein Kind mit Nijinsky – ob das zweite auch von ihm war, wissen wir nicht so genau, das ist ein Geheimnis –, dafür hatte sie dann auch eine Verantwortung. Sie hatte schon ihr Päckchen zu tragen, das muss auch für eine vermögende Frau, die sie war, nicht so ganz einfach gewesen sein, eine große Herausforderung – denn die Frauen waren damals längst nicht so emanzipiert wie heute.

Wenn Sie diese Rolle jetzt wieder tanzen, und Sie vergleichen das mit der Romola, die Sie vor Ihrer Babypause getanzt haben, gibt es da einen Unterschied?

Anna Polikarpova: Nicht wirklich, nein. Ich fühle keinen Unterschied. Die Schwangerschaft und die Mutterschaft haben für mich darauf keinen Einfluss gehabt – nicht bei diesem Ballett. Vielleicht gibt es ein anderes, bei dem das spürbar ist, ich weiß es noch nicht! Bei diesem jedenfalls nicht. Vielleicht sehen die Zuschauer etwas anderes in mir jetzt, aber ich spüre das nicht anders.

Welche Rollen gehören neben der Romola noch zu Ihren Lieblingsrollen?

Anna Polikarpova: Eigentlich alle, die John für mich kreiert hat und viele mehr – neben der Romola die Penelope in „Odyssee“, das war eine wunderbare Rolle, Marguerite in „Kameliendame“ auch, oder „Cinderella Story“, da habe ich sowohl Cinderella als auch die böse Stiefmutter getanzt – das war ein großer Unterschied! Oder Ophelia in der Neufassung von „Hamlet“, Irina Arkadina in „Die Möwe“, Herzeloyde in „Parzival“ und natürlich die Mutter im „Weihnachtsoratorium“. Es war übrigens seltsam – ich habe diese Maria getanzt, und danach wurde ich schwanger, und André ist kurz vor Weihnachten geboren worden...

Wollen Sie noch ein zweites Kind?

Anna Polikarpova: Puh... Ich weiß es noch nicht! Im Moment eher nicht. Es ist wirklich nicht einfach, Mutter zu sein in unserem Beruf. Und ohne diesen Beruf möchte ich noch nicht sein – ich würde zuhause auch verrückt werden... Ich muss etwas tun, ich kann nicht nur Hausfrau und Mutter sein. Natürlich ist es schön, Zeit mit dem Kind zu verbringen, aber den ganzen lieben, langen Tag?? Nein, ich muss schon auch noch etwas anderes tun. Warten wir’s ab! Als Tänzerin kann man Kinder immer nur ganz früh oder ganz spät bekommen, dazwischen ist die Karriere!

Zur Person Anna Polikarpova, geb. am 10. Juni 1970 im russischen Romsk, erhielt ihre Ausbildung am Waganowa-Institut in St. Peterburg und tanzte von 1988 bis 1992 am Ballett des Mariinsky-Theaters, ab 1989 als Solistin. John Neumeier holte sie 1992 als Solistin nach Hamburg, 1994 avancierte sie zur Ersten Solistin. Sie gehört zu den ausdrucksstärksten Charaktertänzerinnen in der Hamburger Kompanie.

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern