Frühlingsopfer in der Schweiz

Philipp Eglis „Sacre du Printemps“ in St. Gallen

St. Gallen, 03/02/2008

Im mythischen alten Russland kündigt sich der Frühling an. Nicht mit Säuseln, sondern mit Stürmen und brechenden Eisschollen auf den Flüssen. Die Menschen bitten ihre heidnischen Götter um Fruchtbarkeit in der Natur. Um sie günstig zu stimmen, werden sie ihnen eine Jungfrau opfern. Die zum Opfer Erwählte muss sich zu Tode tanzen.
So das Originallibretto zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Die Uraufführung in der Choreografie von Vaclav Nijinsky durch die Ballets Russes 1913 in Paris wurde bekanntlich zum Skandal. Wegen der schrill-stampfenden Musik ebenso wie wegen der rohen Tanzformen.

Doch das ist lange her. Inzwischen ist „Le Sacre du Printemps“ zum Experimentierfeld für viele Choreografinnen und Choreografen geworden. Auch in der Schweiz. Allein an den Theatern mit fester Tanzkompanie entstanden im neuen Jahrhundert „Sacre“-Versionen in Zürich (Heinz Spoerli, 2001), Basel (Richard Wherlock, 2002), Bern (Stijn Celis, 2005) und jüngst in Genf (Andonis Foniadakis, 2007). Keine dieser Versionen hält sich ans ursprüngliche Libretto; sie gehen frei mit Ort, Zeit, Motiven und Figuren um.

Das macht auch Philipp Egli, der Leiter der 16-köpfigen Tanzkompanie am Theater St. Gallen, nicht anders. Kein altes Russland, sondern heutige Zeiten. Verwirrend der Einstieg: Wir blicken in ein Zimmer mit vielen Stühlen, während verfremdete „Sacre“-Geräusche an unser Ohr dringen. Von der Decke hängt ein Bild mit weißem Plüschbär, der einen Säugling im Schoß hält. Ist’s gar ein Eisbär, heißt er Flocke oder Knut? Ein Mädchen stopft einem andern Papiertüchlein in den Mund, als wär's bei Pina Bausch. Dann Pause. Erst nach dieser Exposition erklingt Strawinskys Musik aus dem Graben (zupackend gespielt vom Sinfonieorchester St. Gallen unter Peter Tilling).

Der Bär ist weg. Fortan bleibt der Raum nackt; lediglich die Versatzstücke an der Wand und die Position der Stühle verändern sich noch. Grundkostüm der Tanzenden: Hosen, Männer nackte Oberkörper, Frauen naturfarbene Tops. Zwischendurch benutzen sie weitere Kleiderteile. Über die Rücken zieht sich ein blutroter Streifen (Bühne: Bert de Raeymacker, Kostüme: Thomas Ziegler). Auch inhaltlich stützt sich Egli nicht auf archaische Mythen. Es seien denn die zeitlosen Mythen vom Werden und Vergehen des Lebens. Genauer: Vom schwierigen Erwachsenwerden des Menschen. Von der Beziehung der Geschlechter. Von Spielfreude, Bewegungsdrang, Erotik, Streit, Schmerz und Machtgelüsten. Das Leben wird zu einer Art Sesseltanz – wie in jenem Gesellschaftsspiel, wo man herumrennt und beim plötzlichen Musikabbruch einen Sitz finden muss. Ein Stuhl ist immer zu wenig, jemand fällt aus dem Rahmen der Gemeinschaft.

Der Choreograf und seine 16 Tänzerinnen und Tänzer haben aus all diesen Motiven ein spannungs- und empfindungsreiches Stück kreiert, angefeuert oder eingeschüchtert von Strawinskys Musik. Sie tanzen mit nackten Füßen, brechen aus, brechen zusammen. Ihre Körper übernehmen immer klarer Eglis fordernden, gelegentlich verqueren, manchmal wie ferngesteuerten Bewegungsstil.

Warum aber verzichtet die Choreografie auf die ursprüngliche Kernszene, den Todestanz der Erwählten? Während das entsprechende Solo bei der jüngsten Genfer Aufführung volle 20 Minuten dauerte? Das passt offenbar nicht zu Eglis demokratischem Konzept. In der Gruppendynamik seines „Sacre“ sind alle mal Täter, mal Opfer. Am Schluss dreht der Scheinwerfer nur kurz auf eine Frau, die einsam hinten an der Wand stehen bleibt, während die andern von der Bühne verschwinden.

Philipp Egli erhielt für „Sacre du Printemps“ langen Applaus. Zwei Tage vor der Premiere wurde bekannt, dass er seinen bis 2010 dauernden Vertrag gekündigt habe und St. Gallen schon ein Jahr früher verlasse. Hauptgrund: Der Umbau der alten Lokremise, die ihm als zusätzliche Tanzbühne versprochen worden war, verzögert sich immer mehr. Egli ist enttäuscht. An der neuen Hochschule der Künste in Zürich tritt er demnächst eine halbe Stelle an; zusammen mit Tina Mantel wird er einen Bachelor-Studiengang für zeitgenössischen Tanz aufbauen. Doch möchte er auch weiterhin choreografieren.


Premiere: 02. Februar 2008

Link: www.theatersg.ch

Kommentare

Noch keine Beiträge