... wer ist der Beste im ganzen Land?

Der alljährliche Wettbewerb des Corps de Ballet in Paris

Paris, 01/01/2005

Das Jahresende, das für die meisten Ferien und Erholung bedeutet, ist stets eine der anstrengendsten Perioden des Jahres für die Gruppentänzer der Pariser Oper. Abgesehen davon, dass um Weihnachten meist zwei Ballette parallel zueinander auf dem Spielplan stehen, findet Ende Dezember auch das wichtigste Ereignis des Jahres für die Corpstänzer statt: der jährliche Concours, der ihnen den Aufstieg innerhalb der Hierarchie der Kompanie ermöglicht. Diese besteht aus fünf Rängen, in aufsteigender Reihenfolge Quadrille, Coryphée, Sujet, Premier danseur und schließlich Étoile, wobei die drei ersten Ränge bis einschließlich Sujet dem Corps de Ballet zugerechnet werden. Die Ränge von Coryphée, Sujet und Premier danseur sind ausschließlich durch den Concours, der Status des Danseur étoile nur per Ernennung durch die Direktion im Anschluss an eine herausragende Vorstellung zu erlangen. 

Am Tag des Concours präsentiert jeder Tänzer - dieses Jahr nahmen 76 Mitglieder des Corps teil - eine Pflichtvariation und eine von ihm selbst ausgewählte freie Variation. Doch entscheiden zur Beförderung nicht einzig diese Vorführungen, sondern auch zu einem Drittel die Leistung des Tänzers im Laufe des vergangenen Jahres. Die Jury setzt sich aus 10 Personen zusammen, zu denen die Direktion der Oper, Ballettmeister, Tänzer und Mitglieder anderer Kompanien gehören.

Dieses Jahr fand der Concours am 23. Dezember statt, zwischen einer Vorstellung von „Dornröschen“ am 22. und einem modernen Ballettabend am 23. Dezember. Pünktlich um 8 Uhr früh stand Aurélien Houette, der erste der männlichen Quadrilles, auf der Bühne des Palais Garnier und zeigte seine Pflichtvariation aus „Paquita“, Emilie Cozette schloss den Wettbewerb kurz vor 18 Uhr mit einer Variation aus Jerome Robbins‘ „Other Dances“. Beide wurden in diesem ereignisreichen Concours mit einer Beförderung belohnt. Cozette sorgte dabei wohl für eine der größten Überraschungen des Tages: Sie tanzte als einzige makellos die Variation der Odile aus dem III. Akt von Schwanensee und bewies in ihrer freien Variation, der ersten Variation aus „Other Dances“, eine derartige Leichtigkeit, Grazie und Virtuosität, dass sie an ihren Konkurrentinnen, den unbestrittenen Favoritinnen Myriam Ould-Braham und Dorothée Gilbert, vorbeizog und zur Première danseuse ernannt wurde. Doch werden diese beiden sehr jungen Tänzerinnen, die in letzter Zeit in Rollen wie Aurora in „Dornröschen“, Kitri in „Don Quichotte“ oder als Solistin in „Etudes“ glänzten und zwei der großen Hoffnungen der Kompanie darstellen, gewiss in den nächsten Jahren denselben Titel erhalten. 

Die Zweitplazierte - wenn auch nicht Beförderte - war Myriam Ould-Braham, die vor allem am Ende ihrer Pflichtvariation durch die Brillanz ihrer Technik und ihre seltene künstlerische Hingabe begeisterte, wie auch bereits kürzlich als Aurora. Auch die Besetzung des Postens des Premier danseur überraschte zahlreiche Ballettkenner: Emmanuel Thibault, seit zwölf Jahren trotz stets erstklassiger Leistungen als Solist und im Concours noch immer im Range eines Sujets, wurde nun nach zwei wie immer herausragenden Variationen („Schwanensee“ III. Akt und „Other Dances“) endlich mit dem wohlverdienten Titel des Premier Danseur belohnt.

Mehr Plätze gab es in den weniger hohen Rängen, die männlichen Quadrilles zum Beispiel konnten mit vier freien Stellen rechnen. Sébastien Bertaud dominierte durch seine tadellose Technik und seine erstaunliche Bühnenpräsenz die Klasse und wurde mit dem Aufstieg belohnt, ebenso unter anderem Vincent Chaillet, dem in dieser Kompanie eine vielversprechende Zukunft blühen könnte. Die weiteren Plätze gingen an Jean-Philippe Dury und Aurélien Houette; man wundert sich allerdings über die Nichtbeförderung von Audric Bezard, für dessen Talent man sich eine stärkere Förderung erhoffen würde.

Joshua Hoffalt, Zweiter im Wettbewerb von Varna und kürzlich Preisträger des Prix Carpeaux, tat sich in der Klasse der Coryphées hervor und errang einen der drei Plätze als Sujet, zusammen mit Julien Meyzindi und Florian Magnenet. Mathilde Froustey, seine Partnerin in Varna, die dort die Goldmedaille gewann und neulich den Prix AROP erhielt, wurde hingegen ebenso wenig befördert wie die begabte und langgliedrige Aurore Cordellier, ebenfalls Preisträgerin des Prix Carpeaux. Der einzige Platz als Sujet ging an Aurélia Bellet.

Auch für die weiblichen Quadrilles gab es vier freie Plätze, hier fielen besonders Laura Hecquet und Sara Kora Dayanova auf, erstere durch ihre Schnelligkeit, Präzision und Frische, letztere durch ihre Grazie, die ruhige Harmonie ihrer Bewegungen und ihre Bühnenpräsenz. Die weiteren Plätze gingen an Alice Renavand, die neulich in Preljocajs „Songe de Médée“ an der Seite von Agnès Letestu und Laurent Hilaire als Kreusa überzeugte, und Charline Giezendanner. 

Nach diesem langen Tag – zwischen den Klassen der Männer am Vormittag und denen der Frauen am Nachmittag lag nur eine Stunde Mittagspause – tanzte die Kompanie gleich danach im Palais Garnier noch den Ballettabend Brown/Forsythe/Lancelot. So hatten die Tänzer wie jedes Jahr kaum Zeit, ihre Enttäuschung oder Freude zu verdauen, wenn sich diese auch deutlich in manchen Gesichtern abzeichneten – so mag es Uneingeweihten nur schwer verständlich gewesen sein, warum eine Tänzerin trotz tosenden Applauses kaum zu einem Lächeln zu bewegen war, wohingegen zwei Interpretinnen eines sehr negativ aufgenommenen Stückes überglücklich strahlten...

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