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Poznań

VON EKSTASE UND TOD

Bodytalk und das Polski Teatr Tańca zeigen in Poznań ihre Pandemie-Version von "Romeo und Julia"



Yoshiko Waki und Rolf Baumgart von bodytalk und das Polski Teatr Tańca stricken in "Romeos & Julias. Unplagued // Traumstadt" ihren ganz eigenen Bilderabend über Liebe, Distanz, Emotionen und Tod.


  • "Romeos & Julias unplagued // Traumstadt" von bodytalk in Koproduktion mit Polski Teatr Tanca Foto © Andrzej Grabowski
  • "Romeos & Julias unplagued // Traumstadt" von bodytalk in Koproduktion mit Polski Teatr Tanca Foto © Andrzej Grabowski
  • "Romeos & Julias unplagued // Traumstadt" von bodytalk in Koproduktion mit Polski Teatr Tanca Foto © Andrzej Grabowski
  • "Romeos & Julias unplagued // Traumstadt" von bodytalk in Koproduktion mit Polski Teatr Tanca Foto © Andrzej Grabowski
  • "Romeos & Julias unplagued // Traumstadt" von bodytalk in Koproduktion mit Polski Teatr Tanca Foto © Andrzej Grabowski
  • "Romeos & Julias unplagued // Traumstadt" von bodytalk in Koproduktion mit Polski Teatr Tanca Foto © Andrzej Grabowski

Bei Shakespeares "Romeo und Julia" spielt eine Seuche ja eine ganz fatale Rolle: Der Bote, der Romeo, die Botschaft überbringen soll, dass Julia ihren Tod nur vortäuscht, wird durch die Pest aufgehalten. Der nichtsahnende Romeo bringt sich wirklich um und bekanntermaßen folgt im Julia. So ist es kaum ein Wunder, wenn sich gerade Tanzstücke diesem Stoff in der Pandemie annehmen, liegt doch mit Sergei Prokofjew auch eine klassische Partitur vor. Doch Yoshiko Waki und Rolf Baumgart von bodytalk und das Polski Teatr Tańca nutzen in "Romeos & Julias. Unplagued // Traumstadt" all diese Referenzen lediglich als Sprungbrett, um ihren ganz eigenen Bilderabend über Liebe, Distanz, Emotionen und Tod zu stricken. Für die beiden ist es nach Jewropa und Solidaritot die dritte Kooperation und dieses Mal eine, die ohne historische, dafür mit literarischen Bezügen arbeitet.

Ein Stück des Hier und Jetzt, das geprägt ist durch Hygienevorschriften: So treten die 16 Tänzerinnen und Tänzer zunächst in großen quaderförmigen Plastiksäcken auf und ihre Begegnungen auf der Bühne wirken ein wenig wie Jugendliche im Autoscooter. Doch bald schon werden die Plastiksäcke zur transparenten Stadtmauer und das junge Ensemble zeigt im Freestyle-Hip-Hop mit tatkräftiger Unterstützung des multiinstrumentalen Musikers Damian Pielka, der sowohl Loop-Station Schleifen beisteuert als auch ein sehr dominantes Schlagzeug, was es alles drauf hat. Nur ein Tänzerpaar muss wegen eines falschen Testergebnisses während der zuvor zelebrierten Corona-Messe leider wieder ins Plastik zurück – vorerst.

Nicht die sanften Triebe aufflackender erster Liebe, sondern der Feuersturm der Emotionen prasselt hier in ausdrucksstarken Bildern auf das Publikum nieder. Diese Version von "Romeo und Julia" ist eine Feier der Jugend und der überschießenden Emotionen bis hin zur absoluten Ekstase. Tanz und Akrobatik kommen hier engumschlungen zusammen. Da steht Evelyn Blue singend auf einem großen fahrbaren Gerüst, das wild im Kreis herumgefahren wird und lässt rotes Konfetti und rote Herzen aus Konfettikanonen auf die unten Tanzenden regnen und provoziert eine gewaltsam anmutende Materialschlacht. Doch was bei anderen vielleicht ein großes Schlussbild wäre, reicht hier gerade mal als Abschluss des ersten Drittels der 60-minütigen Performance. Ein weiterer Ausbruch ist dann eine Orgienszene: Katarzyna Kulminska und Jerzy Kazmierczak in knappen Blumen-Kostümen starten mit einer hocherotischen Tanzperformance und das Ensemble flutet die Bühne mit kleinen Aktionen von Pferden, Schmetterling und Pan selbst in entfesselten Kopulations- und Unterwerfungsritualen.

Hin und wieder gibt es auch ruhige Momente, wenn auf einer dunklen Bühne mit Laserpointern auf einer speziellen Folie rasch verblassende Muster gezeichnet wird und die verblüffende Überwältigung im visuellen Reiz dieser Minimal-Laser das Publikum erfasst. Und Prokofjew? Der wird hier und da angespielt und eine Szene mit flirtenden Spiegeln ist auch komplett mit seiner Musik untermalt. Der Tanz aber bleibt zeitgenössisch. Die Jugend und ihre Träume fokussiert das Ende, wenn einige der Tänzerinnen und Tänzer ihre persönlichen Hoffnungen und Ziele für die Zukunft vortragen. Doch natürlich haben Romeo und Julia diese Zukunft nicht. Das Ende gehört erneut den Plastikquadern, die dieses Mal als transparente Särge fungieren – mit spiegelnden Grabsteinen. Corona hat auch den Tanz, zumindest auf der symbolischen Ebene, fest im Griff. Doch Tanzende soll man nicht aufhalten.

Veröffentlicht am 22.06.2021, von Torben Ibs in Homepage, Kritiken 2020/2021

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