HOMEPAGE



Leipzig

SUCHE NACH ANDEREN KÖRPERLICHKEITEN

Die neue Forward Dance Company präsentiert sich mit gleich zwei Premieren am Leipziger Lofft.



Mit der Forward Dance Company unter der künstlerischen Leitung von Gustavo Fijalkow hat das Leipziger Lofft seit Herbst eine eigene professionelle Company. Nach coronabedingten Verzögerungen konnte sie sich am Wochenende mit „Wir“ und „Joy“, zwei Inszenierungen des Choreografen Nir de Volff, endlich auch der Öffentlichkeit präsentieren.


  • Forward Dance Company - Wir Foto © Thomas Puschmann
  • Forward Dance Company - Joy Foto © Tom Dachs

Wir – eine getanzte Visitenkarte

„Wir“ ist eine Vorstellung der Gruppe, der einzelnen Tänzer*innen und ihrer besonderen Qualitäten und Fähigkeiten. Die Gruppe verordnet sich zwar klar im zeitgenössischen Tanz, auch die rauschend-rumpelnde Soundkulisse von Mathie Porterie unterstützt das, aber dann springt auf einmal Mouafak Aldoabi in großen Ballettsprüngen über die weiße Bühne und setzt sogleich einen Kontrapunkt zu den Erwartungen. Das Schema bis dahin ist Stille Post: Eine Person tanzt vor und dann kommt eine zweite hinzu, die diese Bewegungen spiegelt und variiert. Pas de Deux, aber parallel, gemeinsam nicht miteinander – was auch an den coronabedingten Regeln der Probenphase liegen könnte.

Dieses Setting lässt das Besondere dieses Ensembles vollständig zum Tragen kommen. Denn die Forward Dance Company ist mixed-abled. Menschen mit nicht-normativen Körperlichkeiten, weil sie etwa im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen sind, finden genauso ihren Platz wie klassisch ausgebildete Tänzer*innen. Mit Lisa Zocher aus Leipzig und Iñigo Laudio aus Barcelona hat der Künstlerische Leiter Fjialkow zwei spannende Performer*innen gefunden, die den Anspruch auf Professionalität hervorragend erfüllen. Beide sitzen und tanzen im Rollstuhl, allerdings bietet ihnen diese Art des Tanzes die Möglichkeit, ihn auch zu verlassen und mit dem eigenen Körper neue Bewegungsmuster zu setzen. Alle sechs machen diese Auseinandersetzung in ihren parallelen Aktionen zu einem bewegenden Schauspiel.

Im zweiten Teil von „Wir“ wird es düsterer und wilder: Renan Manhães kommt als eine Art Jimi Hendrix mit Gitarre auf die Bühne und lädt zur Geburtstagsparty in Grau, bei der freudig fliegende Kamellen zu aggressiven Wurfgeschossen werden. Dazu hält Simone Carmago einen Monolog über das, was geht, und das, was nicht geht. Grau und Glitzer wechseln sich in den Kostümen von Darwin Stapel ab, der ansonsten auf luftige, brasilianisch inspirierte Kleidung setzt. Am Ende steht Cordelia Lange alleine am Mikrofon, während die anderen ihre angesammelte Wut in Form von allerlei Unrat auf der Bühne entsorgen, und haucht ein: „Ich kann alle Probleme der Welt lösen.“ Währenddessen zieht sie sich einen grünen Slip aus und lässt ihn zwischen den gespitzten Fingern baumeln.

Joy – Fun ist ein Stahlbad

Auf solch hohem energetischen Niveau startet auch die zweite Produktion „Joy“ durch. Alle Tänzer*innen sind in merkwürdige bunte, enganliegende Blumenbouquets gesteckt (Kostüme: Moran Sanderovich), doch die Suche nach Freude erweist sich als kompliziert. Zum Einlass wummern die Musiker Daniel Benyamin und Zar Monta Cola irgendetwas zwischen Metal und Elektro aus ihren Instrumenten. Als Leitmotiv wirkt Adornos Bonmots „Fun ist ein Stahlbad“. Da erinnert sich Simone Carmango an ihre Leiden im klassischen Ballett, wenn sie mit Spitzenschuhen und blutigen Gesicht auftritt. Cordelia Lange trampelt derweil auf Renan Manhães als Domina. Auch die Stand-Up-Comedy von Lisa Zocher scheitert wie geplant („Was ist keine Karriere für einen Rollstuhlfahrer? Stand-Up-Comedian!“). Dabei werden die Rollstühle anfangs nur spärlich eingesetzt.
Doch hier und da bricht in diesem gewaltvollen Trübsal ein positives Moment hervor, wenn etwa Laudio seine Kumpanen auffordert, er möchte fliegen und dann über die Bühne getragen werden. So erzeugt sich Lust meist nur aus Schmerz. Weinen ist das neue Sexy, was in einer fulminanten und im produktiven Sinne verstörenden Szene von gespielten Tränen und vorgeblich sexy Arschklatschen endet. Die Tänzer*innen spielen hier mit vollem Einsatz und gewinnen.

Ein starker Start der mixed-abled Company, die bereits jetzt associate artist des Festivals Euro-Scene ist, die im November in Leipzig stattfinden wird.

www.lofft.de

Veröffentlicht am 14.06.2021, von Torben Ibs in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 581 mal angesehen.



Kommentare zu "Suche nach anderen Körperlichkeiten "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    HAPPY END BEI INKLUSION?

    In Regensburg erlebt das integratives Tanzprojekt „klapptbestimmt24“ von Annette Vogel eine gefeierte Premiere
    Veröffentlicht am 14.10.2021, von Michael Scheiner


    EIN EMOTIONALES PFLASTER

    Uraufführung von Ceren Orans "Geschichten in Blau"
    Veröffentlicht am 12.10.2021, von Vesna Mlakar


    NORDISCHE EXOTIK

    Start der Vorstellungsreihe depARTures mit dem Motto "Unique Performance and Dance from Norway"
    Veröffentlicht am 12.10.2021, von Vesna Mlakar



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „DER STURM“

    Ballett von Roberto Scafati nach William Shakespeare am Theater Trier

    Roberto Scafati inszeniert das Ballett in Zusammenarbeit mit demselben Team, das schon durch „Winterreise“ bekannt ist, sowie dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier unter der musikalischen Leitung von Wouter Padberg.

    Veröffentlicht am 06.10.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    GIPFELTREFFEN

    Livestream des Triple Bills „Tänze Bilder Sinfonien“ beim Wiener Staatsballett

    Veröffentlicht am 25.09.2021, von Anna Beke


    AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

    Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PRODUKTION, STUDIES UND TANZ FÜR JUGENDLICHE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP