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Radebeul

ELF HEIMATBILDER

"Heimatbilder" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul



Unter der künstlerischen Leitung von Wagner Moreira haben die Tänzerinnen und Tänzer der Tanzkompanie Radebeul dezentrale site-specific Performances entwickelt.


  • "Heimatbilder"von Wagner Moreira Foto © Norbert Millauer
  • "Heimatbilder"von Wagner Moreira Foto © Norbert Millauer
  • "Heimatbilder"von Wagner Moreira Foto © Norbert Millauer
  • "Heimatbilder"von Wagner Moreira Foto © Norbert Millauer

Endlich geht es auf die Bühne. Seit Anfang der Spielzeit ist Wagner Moreira der neue künstlerische Leiter der Tanzkompanie der Landesbühnen Sachsen in Radebeul, doch so recht geklappt hat es mit einem ersten großen Tanzstück noch nicht. Statt dessen hat er mit seinen Tänzerinnen und Tänzern dezentrale site-specific Performances entwickelt. Mit „Heimatbilder“, das am Wochenende Premiere hatte, legt er nun seinen ersten abendfüllenden Abend vor und der ist mit knapp zweieinhalb Stunden samt Pause tatsächlich keine Kleinigkeit. Und doch sehr kleinteilig, denn er versammelt elf Soli der Kompaniemitglieder, die sich alle mit dem Thema der Heimat auseinandergesetzt haben. Dabei ist Heimat ein Begriff, der gerade in Westsachsen mit seinem hohen Anteil an AfD-Anhänger*innen fast schon toxisch zu nennen ist. Moreira und der Kompanie geht es aber in den elf Arbeiten nicht um volkstümelnde Herkunftssuche, sondern vielmehr um eigene Zugänge, so dass wenig ein Bild von der Heimat als die Herkunft und Identität der Tanzenden verhandelt wird. Auch ästhetisch könnte es nicht viel weiter weg von fahneschwenkender Folklore und idyllischen Postkartenklischees von Bergen, Seen und Wäldern sein.

Da gibt es die zurückhaltend schwelgende Miniatur vor einem projizierten Sonnenaufgang in monochromer Sanftheit bei Aurora Fradella, es gibt die klar politisch motivierte Performance wie etwa von Rodrigo Opazo Castro, der seine chilenische Heimat als Beispiel für Diversität feiert oder auch verstörend knarrendes wie Simon Wolants Gang vom Krankenbett, der immer wieder von wild gesampelten Stravinsky-Auszügen, die arg an den Nerven zerren. Die kurzen lauten und schrillen Takte prügeln gleichermaßen auf Tänzer*innen wie Publikum akustisch ein und evozieren die Zerrissenheit als Urzustand der Tanzenden. In den elf Bildern schälen sich so weniger klassische Aspekte von Heimat heraus, sondern im Kern steht die Künstler*innenidentität der Tänzerinnen und Tänzer und die Frage, was sie antreibt und was sie gewillt sind, aus sich heraus zu holen und zu präsentieren.

Die Choreografien stammen dabei vor allem aus Körper und Geist der Tanzenden. Moreira wird lediglich als choreografischer Mitarbeiter aufgeführt, hat ordnend und organisatorisch unterstützt. Alle sind auf sich selbst zurück geworfen und das sorgt für unterschiedliche Zugänge und Temperaturen der Arbeiten, die nicht durch einen dominierenden choreografischen Stil eingeengt werden, außer vielleicht dem des zeitgenössischen Tanzes. Das ist auch ein Risiko, aber durch das Konzept der etwa 10 Minuten Länge der Stücke entsteht eine gut anzusehende hochwertige Revue, die bisweilen starke Bilder erzeugt. So spielt Christian Senatore in einem geteilten Bühnenbild mit einem Holzstuhl im warmen Spot und einem Raum mit vier großen flackernden Neonröhren mit dem Gegensatz zwischen heimeliger Herkunft und hektischer Gegenwart einen klassischen Lebenskonflikt aus. Ähnlich fasst es Gianmarco Martini, der mit einem großen weißen Holzregal und dem Ballast der eigenen Lebensgeschichte kämpft. Immer wieder werden auch Familienerinnerungen tanzend verarbeitet.

Mehrfach greifen Tänzerinnen auch über das Medium des Tanzes hinaus und singen. Auch Sprache kommt hier und da zum Einsatz, gerne auch Fremdsprachliches, das aber nicht zwangsläufig übersetzt wird, denn der Sinn findet sich in den Bildern und nicht in den Texten. Am weitesten geht Tuan Ly, der sich in einer Riesenkrake aus Pappmaché in eine wahre Materialschlacht mit Papier begibt, um schließlich eine enge Papierrolle zu einem großen Turm und dann zu einer schwenkenden Fahne werden zu lassen. Ein kindliches Spiel wird zur Grundlage für ein überbordendes Bildkörperspektakel kurz vor Ende, der schließlich Camilla Bizzi gebührt, die sich melancholisch heiter in den Bühnenregen verabschiedet.

Ein gelungener Start in Radebeul, der aus der Corona-Not eine Tugend gemacht macht und einen gespannt warten lässt auf die nächste Produktion der Kompanie.

Veröffentlicht am 08.06.2021, von Torben Ibs in Homepage, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Elf Heimatbilder"



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