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Heidelberg

UNGEWOLLTE ENDZEITSTIMMUNG

"Viel leicht" von Jai Gonzales in der Heidelberger Hebelhalle



Jai Gonzales widmet sich in "Viel leicht" ihrem choreografischen Lebensthema: der Frage, wie jede*r Einzelne für sich und andere Verantwortung übernehmen kann.


  • "Viel leicht" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer
  • "Viel leicht" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer
  • "Viel leicht" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer
  • "Viel leicht" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer
  • "Viel leicht" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer
  • "Viel leicht" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer
  • "Viel leicht" von Jai Gonzales Foto © Günter Krämmer

Man muss nicht abergläubisch sein, um diesen Freitag, den 13. März 2020 als Zäsur zu begreifen. Es ist der Tag, an dem der Spielbetrieb im Land umfassend eingestellt wird: in der Bundesliga genauso wie im Theater Heidelberg und im Mannheimer Nationaltheater. Vor Corona sind auf einmal alle gleich. Nur in der Heidelberger Hebelhalle regt sich ziviler Widerstand: Ausgerechnet für diesen Termin hat das UnterwegsTheater die Premiere einer neuen Eigenproduktion angekündigt. Auf dieser Bühne wird noch getanzt, und auch die fürs Wochenende angekündigten Vorstellungen sollen stattfinden – wenn sie nicht einem offiziellen Verbot zum Opfer fallen.

Spielerisch klingt der Titel von Jai Gonzales‘ neuer Choreografie „Viel leicht“, meilenweit entfernt vom plötzlich drohenden Ernst der Lage. Zu Probenbeginn hat sich noch niemand vorstellen können, dass das kulturelle Leben eines ganzen Landes abrupt zum Erliegen kommen könnte. So hängt ein bisschen ungewollte Endzeitstimmung über diesem Abend, etwas Trotz der wenigen Besucher*innen – die in der Hebelhalle gleichwohl den empfohlenen Abstand lässig einhalten können – und etwas Wehmut auch. Wann wird es wieder Tanz zu sehen geben – auf dieser so besonderen Bühne, in der gesamten Region, deutschlandweit und im Rest der Welt?

Und wenn wieder getanzt werden darf: Wer wird wieder tanzen? Was tun die Künstler*innen in der Krise ohne ihr Publikum? Die von öffentlicher Hand finanzierten Bühnen wissen sich am Ende von Steuerzahler*innen finanziell aufgefangen. Anders die Theater in der freien Szene – für sie könnte die Corona-Krise das finanzielle „Aus“ bedeuten. Einige Theater wie der Frankfurter Mousonturm haben angekündigt, ausgewählte Aufführungen als Streaming-Angebot ins Netz zu stellen. Video ist vielleicht besser als nichts, aber der Zwang zur Zweidimensionalität nimmt dem zeitgenössischen Tanz genau die Dimension, die ihn geprägt hat: Raum.

„Viel leicht“ – hier hat sich Jai Gonzales noch einmal ihrem choreografischen Lebensthema gewidmet: der Frage, wie jede*r Einzelne zugleich für sich und andere Verantwortung übernehmen kann – und wie Herausforderungen so stark machen können, dass das Schwere am Ende leicht wird. Und plötzlich sind die gesellschaftlichen Fragen von Corona doch ganz nah … Es sind ungewohnt viele, gleich acht ausgewählte Tanz-Persönlichkeiten, mit deren Hilfe Jai Gonzales augenfällig vorführt, wie ein menschlicher Körper den ihn umgebenden Raum definiert, absteckt, erweitert, begrenzt und gestaltet – und wie dabei doch ein Zusammenspiel mit anderen gelingen kann, wie Bewegungsspielräume gegenseitig verhandelt, respektiert und ausgefüllt werden. Vieles geschieht berührungsfrei: Es ist, als wäre die Luft zwischen zwei Körpern quasi mit Bewegungsgefühl aufgeladen.

Die Zusammenstellung dieses temporären achtköpfigen Ensembles ist höchst ungewöhnlich, es umspannt drei Jahrzehnte Lebens- und jede Menge Tanzerfahrung. Jai Gonzales hat ein Händchen dafür, das spezifische Bewegungstalent ihrer Tänzer*innen bühnenwirksam herauszukitzeln. Da ist zum Beispiel der Grieche Stavros Apostolatos, der zum harten Kern der Unterwegs-Truppe gehört und der im beeindruckenden Gegensatz zu seiner hünenhaften Gestalt höchst sensibel und sanft agiert. Ex-Forsythe-Tänzer Amancio González senkt sich ballerinamäßig in den Spagat – schließlich hat er die letzten zwei Jahre damit verbracht, klassischen Tanz auf Spitzenschuhen zu lernen, aus Respekt für diese Zunft. Imma Rubio, ebenfalls der Forsythe-Company vielfach verbunden, glänzte mit einem Solo über all die kleinen Details, aus denen sich allgegenwärtiger Alltagsstress zusammensetzt. Und, und, und… Auf einander Rücksicht nehmen zu können, ohne die eigene Identität aufzugeben: Das ist die hoffnungsvolle Botschaft dieses Abends, dem das zahlenmäßig kleine Premierenpublikum ganz großen Beifall zollte.

Veröffentlicht am 21.03.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2019/2020

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